Seite - 861 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die Annahme wagen, daß die lebende
Substanz bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen wurde, die seither durch die Sexualtriebe
ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese Triebe, in denen sich die chemische Affinität der
unbelebten Materie fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch allmählich die
Schwierigkeiten überwinden, welche eine mit lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung
diesem Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung einer schützenden Rindenschicht nötigt? Daß
diese zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Vielzelligkeit erreichen und endlich den
Keimzellen den Trieb zur Wiedervereinigung in höchster Konzentration übertragen? Ich glaube,
es ist hier die Stelle, abzubrechen.
Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzuschließen. Man könnte mich fragen, ob
und inwieweit ich selbst von den hier entwickelten Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort
würde lauten, daß ich weder selbst überzeugt bin noch bei anderen um Glauben für sie werbe.
Richtiger: ich weiß nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das affektive Moment
der Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu kommen braucht. Man kann sich doch einem
Gedankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde
oder, wenn man will, als advocatus diaboli, der sich darum doch nicht dem Teufel selbst
verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der dritte Schritt in der Trieblehre, den ich hier unternehme,
nicht dieselbe Sicherheit beanspruchen kann wie die beiden früheren, die Erweiterung des
Begriffs der Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren direkte
Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit nicht größeren Fehlerquellen behaftet, als in all
solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des regressiven Charakters der Triebe ruht
allerdings auch auf beobachtetem Material, nämlich auf den Tatsachen des
Wiederholungszwanges. Allein vielleicht habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die
Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders möglich, als daß man mehrmals
nacheinander Tatsächliches mit bloß Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der
Beobachtung entfernt. Man weiß, daß das Endergebnis um so unverläßlicher wird, je öfter man
dies während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad der Unsicherheit ist nicht angebbar.
Man kann dabei glücklich geraten haben oder schmählich in die Irre gegangen sein. Der
sogenannten Intuition traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe,
schien mir eher der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man leider
selten unparteiisch ist, wo es sich um die letzten Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft
und des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begründeten Vorlieben
beherrscht, denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in die Hände arbeitet. Bei so guten
Gründen zum Mißtrauen bleibt wohl nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse
der eigenen Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche Selbstkritik
durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen abweichende Meinungen verpflichtet. Man darf
unerbittlich Theorien abweisen, denen schon die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung
widersprechen, und kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch nur
eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation über die Lebens- und Todestriebe
würde es uns wenig stören, daß so viel befremdende und unanschauliche Vorgänge darin
vorkommen, wie ein Trieb werde von anderen herausgedrängt oder er wende sich vom Ich zum
Objekt und dergleichen. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen
Termini, das heißt mit der eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der
Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht
beschreiben, ja, würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unserer Beschreibung
würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die
physiologischen oder chemischen einsetzen könnten. Diese gehören zwar auch nur einer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin