Seite - 868 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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widerstrebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen bewußtmachen kann. Den
Zustand, in dem diese sich vor der Bewußtmachung befanden, heißen wir Verdrängung, und die
Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrechtgehalten hat, behaupten wir während
der analytischen Arbeit als Widerstand zu verspüren.
Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus der Lehre von der Verdrängung. Das
Verdrängte ist uns das Vorbild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei Unbewußtes
haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und das Verdrängte, an sich und ohne weiteres nicht
bewußtseinsfähige. Unser Einblick in die psychische Dynamik kann nicht ohne Einfluß auf
Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist,
nicht im dynamischen Sinne, vorbewußt; den Namen unbewußt beschränken wir auf das
dynamisch unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt
(vbw) und unbewußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, nehmen wir an,
steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir
es beim latenten Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber nicht lieber im
Einvernehmen mit den Philosophen bleiben und das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom
bewußten Psychischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen, das Vbw wie das
Ubw als zwei Arten oder Stufen des Psychoiden zu beschreiben, und die Einigkeit wäre
hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in der Darstellung wären die Folge davon, und die
einzig wichtige Tatsache, daß diese Psychoide fast in allen anderen Punkten mit dem anerkannt
Psychischen übereinstimmen, wäre zugunsten eines Vorurteils in den Hintergrund gedrängt, eines
Vorurteils, das aus der Zeit stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeutsamste von ihnen
noch nicht kannte.
Nun können wir mit unseren drei Termini, bw, vbw und ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur
nicht vergessen, daß es im deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im dynamischen aber
nur eines. Für manche Zwecke der Darstellung kann man diese Unterscheidung vernachlässigen,
für andere ist sie natürlich unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zweideutigkeit des
Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt sie sich,
soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist
schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beantworten ist, und der Akt
der Wahrnehmung selbst gibt keine Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas
wahrgenommen wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht darüber beklagen, daß
das Dynamische in der Erscheinung nur einen zweideutigen Ausdruck findet[73].
Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt sich aber heraus, daß auch diese
Unterscheidungen unzulänglich, praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen, die das
zeigen, sei folgende als die entscheidende hervorgehoben. Wir haben uns die Vorstellung von
einer zusammenhängenden Organisation der seelischen Vorgänge in einer Person gebildet und
heißen diese das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußtsein, es beherrscht die Zugänge
zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der Erregungen in die Außenwelt; es ist diejenige seelische
Instanz, welche eine Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur Nachtzeit
schlafen geht und dann immer noch die Traumzensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die
Verdrängungen aus, durch welche gewisse seelische Strebungen nicht nur vom Bewußtsein,
sondern auch von den anderen Arten der Geltung und Betätigung ausgeschlossen werden sollen.
Dies durch die Verdrängung Beseitigte stellt sich in der Analyse dem Ich gegenüber, und es wird
der Analyse die Aufgabe gestellt, die Widerstände aufzuheben, die das Ich gegen die
Beschäftigung mit dem Verdrängten äußert. Nun machen wir während der Analyse die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin