Seite - 869 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Beobachtung, daß der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn wir ihm gewisse Aufgaben stellen;
seine Assoziationen versagen, wenn sie sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm
dann, er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er weiß nichts davon, und selbst
wenn er aus seinen Unlustgefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm wirkt, so weiß
er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da aber dieser Widerstand sicherlich von seinem Ich
ausgeht und diesem angehört, so stehen wir vor einer unvorhergesehenen Situation. Wir haben im
Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, sich geradeso benimmt wie das Verdrängte,
das heißt starke Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und zu dessen
Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge dieser Erfahrung für die
analytische Praxis ist, daß wir in unendlich viele Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten,
wenn wir an unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und zum Beispiel die Neurose auf
einen Konflikt zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir müssen
für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die strukturellen Verhältnisse des Seelenlebens
einen anderen einsetzen: den zwischen dem zusammenhängenden Ich und dem von ihm
abgespaltenen Verdrängten[74].
Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind aber noch bedeutsamer. Die dynamische
Betrachtung hatte uns die erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht bringt uns die zweite.
Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles
Verdrängte ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt. Auch ein Teil des Ichs, ein Gott weiß
wie wichtiger Teil des Ichs, kann ubw sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw des Ichs ist nicht
latent im Sinne des Vbw, sonst dürfte es nicht aktiviert werden, ohne bw zu werden, und seine
Bewußtmachung dürfte nicht so große Schwierigkeiten bereiten. Wenn wir uns so vor der
Nötigung sehen, ein drittes, nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen wir zugestehen, daß
der Charakter des Unbewußtseins für uns an Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen
Qualität, die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen gestattet, für welche wir
ihn gerne verwertet hätten. Doch müssen wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließlich
ist die Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel der Tiefenpsychologie.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin