Seite - 871 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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einer Erinnerung die Besetzung im Erinnerungssystem erhalten bleibt, während die von der
Wahrnehmung nicht unterscheidbare Halluzination entstehen mag, wenn die Besetzung nicht nur
von der Erinnerungsspur auf das W-Element übergreift, sondern völlig auf dasselbe übergeht.
Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen Wahrnehmungen ab, so daß hiedurch
gleichsam ein besonderer Sinnesursprung für das System Vbw gegeben ist. Die visuellen
Bestandteile der Wortvorstellung kann man als sekundär, durch Lesen erworben, zunächst
vernachlässigen und ebenso die Bewegungsbilder des Wortes, die außer bei Taubstummen die
Rolle von unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist doch eigentlich der Erinnerungsrest des
gehörten Wortes.
Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung zuliebe, die Bedeutung der optischen
Erinnerungsreste – von den Dingen – zu vergessen, oder zu verleugnen, daß ein Bewußtwerden
der Denkvorgänge durch Rückkehr zu den visuellen Resten möglich ist und bei vielen Personen
bevorzugt scheint. Von der Eigenart dieses visuellen Denkens kann uns das Studium der Träume
und der vorbewußten Phantasien nach den Beobachtungen J. Varendoncks eine Vorstellung
geben. Man erfährt, daß dabei meist nur das konkrete Material des Gedankens bewußt wird, für
die Relationen aber, die den Gedanken besonders kennzeichnen, ein visueller Ausdruck nicht
gegeben werden kann. Das Denken in Bildern ist also ein nur sehr unvollkommenes
Bewußtwerden. Es steht auch irgendwie den unbewußten Vorgängen näher als das Denken in
Worten und ist unzweifelhaft onto- wie phylogenetisch älter als dieses.
Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren, dies der Weg ist, wie etwas an sich
Unbewußtes vorbewußt wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas Verdrängtes (vor)bewußt,
zu beantworten: indem wir solche vbw Mittelglieder durch die analytische Arbeit herstellen. Das
Bewußtsein verbleibt also an seiner Stelle, aber auch das Vbw ist nicht etwa zum Bw
aufgestiegen.
Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung zum Ich ganz offenkundig ist, fordert die der
inneren Wahrnehmung zum Ich eine besondere Untersuchung heraus. Sie läßt noch einmal den
Zweifel auftauchen, ob man wirklich recht daran tut, alles Bewußtsein auf das eine oberflächliche
System W-Bw zu beziehen.
Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von Vorgängen aus den verschiedensten, gewiß
auch tiefsten Schichten des seelischen Apparates. Sie sind schlecht gekannt, als ihr bestes Muster
können noch die der Lust-Unlustreihe gelten. Sie sind ursprünglicher, elementarer als die von
außen stammenden, können noch in Zuständen getrübten Bewußtseins zustande kommen. Über
ihre größere ökonomische Bedeutung und deren metapsychologische Begründung habe ich mich
an anderer Stelle geäußert. Diese Empfindungen sind multilokular wie die äußeren
Wahrnehmungen, können gleichzeitig von verschiedenen Stellen kommen und dabei
verschiedene, auch entgegengesetzte Qualitäten haben.
Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts Drängendes an sich, dagegen im höchsten
Grad die Unlustempfindungen. Diese drängen auf Veränderung, auf Abfuhr, und darum deuten
wir die Unlust auf eine Erhöhung, die Lust auf eine Erniedrigung der Energiebesetzung. Nennen
wir das, was als Lust und Unlust bewußt wird, ein quantitativ-qualitativ Anderes im seelischen
Ablauf, so ist die Frage, ob ein solches Anderes an Ort und Stelle bewußt werden kann oder bis
zum System W fortgeleitet werden muß.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin