Seite - 875 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direkten Einfluß der Außenwelt unter
Vermittlung von W-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der
Oberflächendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den Einfluß der Außenwelt auf das Es und
seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des
Lustprinzips zu setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die Wahrnehmung spielt für das
Ich die Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und
Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. Dies alles
deckt sich mit allbekannten populären Unterscheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich
oder ideell richtig zu verstehen.
Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin zum Ausdruck, daß ihm normalerweise die
Herrschaft über die Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht so im Verhältnis zum Es
dem Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, daß der Reiter
dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten. Dieses Gleichnis trägt ein Stück weiter.
Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrigbleibt, als es dahin
zu führen, wohin es gehen will, so pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlung
umzusetzen, als ob es der eigene wäre.
Auf die Entstehung des Ichs und seine Absonderung vom Es scheint noch ein anderes Moment
als der Einfluß des Systems W hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und vor allem die
Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere und innere Wahrnehmungen
ausgehen können. Er wird wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt aber dem Getast zweierlei
Empfindungen, von denen die eine einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es ist in
der Psychophysiologie hinreichend erörtert worden, auf welche Weise sich der eigene Körper aus
der Wahrnehmungswelt heraushebt. Auch der Schmerz scheint dabei eine Rolle zu spielen, und
die Art, wie man bei schmerzhaften Erkrankungen eine neue Kenntnis seiner Organe erwirbt, ist
vielleicht vorbildlich für die Art, wie man überhaupt zur Vorstellung seines eigenen Körpers
kommt.
Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die
Projektion einer Oberfläche. Wenn man eine anatomische Analogie für dasselbe sucht, kann man
es am ehesten mit dem »Gehirnmännchen« der Anatomen identifizieren, das in der Hirnrinde auf
dem Kopf steht, die Fersen nach oben streckt, nach hinten schaut und, wie bekannt, links die
Sprachzone trägt.
Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wiederholt gewürdigt worden, doch sind hier einige
wichtige Tatsachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichtspunkt einer sozialen oder
ethischen Wertung überallhin mitzunehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, daß das Treiben
der niedrigen Leidenschaften im Unbewußten vor sich geht, erwarten aber, daß die seelischen
Funktionen um so leichter sicheren Zugang zum Bewußtsein finden, je höher sie in dieser
Wertung angesetzt sind. Hier enttäuscht uns aber die psychoanalytische Erfahrung. Wir haben
einerseits Belege dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle Arbeit, die sonst
angestrengtes Nachdenken erfordert, auch vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum
Bewußtsein zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifelhaft, sie ereignen sich zum Beispiel im
Schlafzustand und äußern sich darin, daß eine Person unmittelbar nach dem Erwachen die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin