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Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar
ein Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art von Sublimierung.
Ja, es entsteht die eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht der allgemeine Weg zur
Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor sich geht,
welches zunächst die sexuelle Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein
anderes Ziel zu setzen[82]. Ob diese Verwandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge
haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiedenen miteinander verschmolzenen
Triebe herbeizuführen, wird uns noch später beschäftigen.
Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch nicht zu vermeiden, daß wir unsere
Aufmerksamkeit für einen Moment bei den Objektidentifizierungen des Ichs verweilen lassen.
Nehmen diese überhand, werden allzu zahlreich und überstark und miteinander unverträglich, so
liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, indem
sich die einzelnen Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander abschließen, und vielleicht
ist es das Geheimnis der Fälle von sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die einzelnen
Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt,
ergibt sich das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen Identifizierungen, in die das Ich
auseinanderfährt, Konflikte, die endlich nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden
können.
Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charakters gegen die Einflüsse aufgegebener
Objektbesetzungen gestalten mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter erfolgten
Identifizierungen werden allgemeine und nachhaltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des
Ichideals zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des
Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit[83]. Diese scheint zunächst nicht Erfolg
oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine direkte und unmittelbare und
frühzeitiger als jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten Sexualperiode
angehören und Vater und Mutter betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in
solche Identifizierung zu nehmen und somit die primäre Identifizierung zu verstärken.
Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es notwendig wird, sie eingehender zu
beschreiben. Es sind zwei Momente, welche diese Komplikation verschulden, die dreieckige
Anlage des Ödipusverhältnisses und die konstitutionelle Bisexualität des Individuums.
Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig
entwickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt
und das vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem Anlehnungstypus zeigt; des Vaters
bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen gehen eine Weile
nebeneinander her, bis durch die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter und die
Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht[84].
Die Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie wendet sich zum Wunsch,
den Vater zu beseitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhältnis zum
Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der Identifizierung von Anfang an enthaltene
Ambivalenz manifest geworden wäre. Die ambivalente Einstellung zum Vater und die nur
zärtliche Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den Knaben den Inhalt des einfachen,
positiven Ödipuskomplexes.
Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin