Seite - 881 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und somit Ausdruck der mächtigsten
Regungen und wichtigsten Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das Ich des
Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es unterworfen. Während das Ich
wesentlich Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich als Anwalt der
Innenwelt, des Es, gegenüber. Konflikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun
vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt,
widerspiegeln.
Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im Es geschaffen und hinterlassen haben,
das wird durch die Idealbildung vom Ich übernommen und an ihm individuell wiedererlebt. Das
Ichideal hat infolge seiner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknüpfung mit dem
phylogenetischen Erwerb, der archaischen Erbschaft, des einzelnen. Was im einzelnen
Seelenleben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Idealbildung zum Höchsten der
Menschenseele im Sinne unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergebliches Bemühen, das
Ichideal auch nur in ähnlicher Weise wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleichnisse
einzupassen, durch welche wir die Beziehung von Ich und Es nachzubilden versuchten.
Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen genügt, die an das höhere Wesen im
Menschen gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält es den Keim, aus
dem sich alle Religionen gebildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich
des Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehnsüchtig
Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Entwicklung haben Lehrer und Autoritäten die
Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und üben
jetzt als Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen den Ansprüchen des
Gewissens und den Leistungen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die sozialen Gefühle
ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf Grund des gleichen Ichideals.
Religion, Moral und soziales Empfinden – diese Hauptinhalte des Höheren im Menschen[85] –
sind ursprünglich eins gewesen. Nach der Hypothese von Totem und Tabu wurden sie
phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Religion und sittliche Beschränkung durch die
Bewältigung des eigentlichen Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch die Nötigung zur
Überwindung der erübrigenden Rivalität unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all
diesen sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht der Männer vorangegangen zu sein,
gekreuzte Vererbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt. Die sozialen Gefühle entstehen
noch heute beim einzelnen als Überbau über die eifersüchtigen Rivalitätsregungen gegen die
Geschwister. Da die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identifizierung mit
dem anfänglichen Rivalen her. Beobachtungen an milden Homosexuellen stützen die Vermutung,
daß auch diese Identifizierung Ersatz einer zärtlichen Objektwahl ist, welche die
aggressiv-feindselige Einstellung abgelöst hat[86].
Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue Probleme auf, vor deren Beantwortung
man zaghaft zurückweichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den Versuch wagen,
auch wenn man fürchtet, daß er die Unzulänglichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird.
Die Frage lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit am Vaterkomplex erworben, das Ich
des Primitiven oder sein Es? Wenn es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach von einer
Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt das zum Charakter des Es? Oder darf man die
Differenzierung in Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe Zeiten tragen? Oder soll man nicht
ehrlich eingestehen, daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts fürs Verständnis der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin