Seite - 893 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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im Über-Ich zur Folge hat, liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der Gefahr der
Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das Ich unter der Aggression des Über-Ichs leidet oder
selbst erliegt, so ist sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die an den
Zersetzungsprodukten zugrunde gehen, die sie selbst geschaffen haben. Als solches
Zersetzungsprodukt im ökonomischen Sinne erscheint uns die im Über-Ich wirkende Moral.
Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die vom Über-Ich die interessanteste.
Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den dreierlei Gefahren bedroht, entwickelt das Ich
den Fluchtreflex, indem es seine eigene Besetzung von der bedrohlichen Wahrnehmung oder dem
ebenso eingeschätzten Vorgang im Es zurückzieht und als Angst ausgibt. Diese primitive
Reaktion wird später durch Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanismus der
Phobien). Was das Ich von der äußeren und von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht
angeben; wir wissen, es ist Überwältigung oder Vernichtung, aber es ist analytisch nicht zu
fassen. Das Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hingegen läßt sich sagen, was sich
hinter der Angst des Ichs vor dem Über-Ich, der Gewissensangst, verbirgt. Vom höheren Wesen,
welches zum Ichideal wurde, drohte einst die Kastration, und diese Kastrationsangst ist
wahrscheinlich der Kern, um den sich die spätere Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als
Gewissensangst fortsetzt.
Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst, schließt kaum einen Sinn ein, ist
jedenfalls nicht zu rechtfertigen. Es scheint mir vielmehr durchaus richtig, die Todesangst von
der Objekt-(Real-)Angst und von der neurotischen Libidoangst zu sondern. Sie gibt der
Psychoanalyse ein schweres Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von negativem
Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung nicht zu finden ist. Der Mechanismus der
Todesangst könnte nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libidobesetzung in reichlichem
Ausmaß entläßt, also sich selbst aufgibt wie sonst im Angstfalle ein anderes Objekt. Ich meine,
daß die Todesangst sich zwischen Ich und Über-Ich abspielt.
Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter zwei Bedingungen, die übrigens denen der
sonstigen Angstentwicklung durchaus analog sind, als Reaktion auf eine äußere Gefahr und als
inneren Vorgang, zum Beispiel bei Melancholie. Der neurotische Fall mag uns wieder einmal
zum Verständnis des realen verhelfen.
Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Erklärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es
sich vom Über-Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also für das Ich
gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden, das auch hier als Vertreter des
Es auftritt. Das Über-Ich vertritt dieselbe schützende und rettende Funktion wie früher der Vater,
später die Vorsehung oder das Schicksal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen, wenn
es sich in einer übergroßen realen Gefahr befindet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt
überwinden zu können. Es sieht sich von allen schützenden Mächten verlassen und läßt sich
sterben. Es ist übrigens immer noch dieselbe Situation, die dem ersten großen Angstzustand der
Geburt und der infantilen Sehnsucht-Angst zugrunde lag, die der Trennung von der schützenden
Mutter.
Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todesangst wie die Gewissensangst als
Verarbeitung der Kastrationsangst aufgefaßt werden. Bei der großen Bedeutung des
Schuldgefühls für die Neurosen ist es auch nicht von der Hand zu weisen, daß die gemeine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin