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Realitätsprinzip, den Einfluß der Außenwelt.
Keines dieser drei Prinzipien wird eigentlich vom anderen außer Kraft gesetzt. Sie wissen sich in
der Regel miteinander zu vertragen, wenngleich es gelegentlich zu Konflikten führen muß, daß
von einer Seite die quantitative Herabminderung der Reizbelastung, von der anderen ein
qualitativer Charakter derselben und endlich ein zeitlicher Aufschub der Reizabfuhr und ein
zeitweiliges Gewährenlassen der Unlustspannung zum Ziel gesetzt ist.
Der Schluß aus diesen Erörterungen ist, daß die Bezeichnung des Lustprinzips als Wächter des
Lebens nicht abgelehnt werden kann.
Kehren wir zum Masochismus zurück. Er tritt unserer Beobachtung in drei Gestalten entgegen,
als eine Bedingtheit der Sexualerregung, als ein Ausdruck des femininen Wesens und als eine
Norm des Lebensverhaltens (behaviour). Man kann dementsprechend einen erogenen, femininen
und moralischen Masochismus unterscheiden. Der erstere, der erogene Masochismus, die
Schmerzlust, liegt auch den beiden anderen Formen zugrunde, er ist biologisch und
konstitutionell zu begründen, bleibt unverständlich, wenn man sich nicht zu einigen Annahmen
über ganz dunkle Verhältnisse entschließt. Die dritte, in gewisser Hinsicht wichtigste
Erscheinungsform des Masochismus ist als meist unbewußtes Schuldgefühl erst neuerlich von der
Psychoanalyse gewürdigt worden, läßt aber bereits eine volle Aufklärung und Einreihung in
unsere sonstige Erkenntnis zu. Der feminine Masochismus dagegen ist unserer Beobachtung am
besten zugänglich, am wenigsten rätselhaft und in all seinen Beziehungen zu übersehen. Mit ihm
mag unsere Darstellung beginnen.
Wir kennen diese Art des Masochismus beim Manne (auf den ich mich aus Gründen des
Materials hier beschränke) in zureichender Weise aus den Phantasien masochistischer (häufig
darum impotenter) Personen, die entweder in den onanistischen Akt auslaufen oder für sich allein
die Sexualbefriedigung darstellen. Mit den Phantasien stimmen vollkommen überein die realen
Veranstaltungen masochistischer Perverser, sei es, daß sie als Selbstzweck durchgeführt werden
oder zur Herstellung der Potenz und Einleitung des Geschlechtsakts dienen. In beiden Fällen –
die Veranstaltungen sind ja nur die spielerische Ausführung der Phantasien – ist der manifeste
Inhalt: geknebelt, gebunden, in schmerzhafter Weise geschlagen, gepeitscht, irgendwie
mißhandelt, zum unbedingten Gehorsam gezwungen, beschmutzt, erniedrigt zu werden. Weit
seltener und nur mit großen Einschränkungen werden auch Verstümmelungen in diesen Inhalt
aufgenommen. Die nächste, bequem zu erreichende Deutung ist, daß der Masochist wie ein
kleines, hilfloses und abhängiges Kind behandelt werden will, besonders aber wie ein schlimmes
Kind. Es ist überflüssig, Kasuistik anzuführen, das Material ist sehr gleichartig, jedem
Beobachter, auch dem Nichtanalytiker, zugänglich. Hat man aber Gelegenheit, Fälle zu studieren,
in denen die masochistischen Phantasien eine besonders reiche Verarbeitung erfahren haben, so
macht man leicht die Entdeckung, daß sie die Person in eine für die Weiblichkeit
charakteristische Situation versetzen, also Kastriertwerden, Koitiertwerden oder Gebären
bedeuten. Ich habe darum diese Erscheinungsform des Masochismus den femininen, gleichsam a
potiori , genannt, obwohl so viele seiner Elemente auf das Infantilleben hinweisen. Diese
Übereinanderschichtung des Infantilen und des Femininen wird später ihre einfache Aufklärung
finden. Die Kastration oder die sie vertretende Blendung hat oft in den Phantasien ihre negative
Spur in der Bedingung hinterlassen, daß gerade den Genitalien oder den Augen kein Schaden
geschehen darf. (Die masochistischen Quälereien machen übrigens selten einen so ernsthaften
Eindruck wie die – phantasierten oder inszenierten – Grausamkeiten des Sadismus.) Im
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin