Seite - 902 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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manifesten Inhalt der masochistischen Phantasien kommt auch ein Schuldgefühl zum Ausdruck,
indem angenommen wird, daß die betreffende Person etwas verbrochen habe (was unbestimmt
gelassen wird), was durch alle die schmerzhaften und quälerischen Prozeduren gesühnt werden
soll. Das sieht wie eine oberflächliche Rationalisierung der masochistischen Inhalte aus, es steckt
aber die Beziehung zur infantilen Masturbation dahinter. Anderseits leitet dieses Schuldmoment
zur dritten, moralischen Form des Masochismus über.
Der beschriebene feminine Masochismus ruht ganz auf dem primären, erogenen, der
Schmerzlust, deren Erklärung nicht ohne weit rückgreifende Erwägungen gelingt.
Ich habe in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie im Abschnitt über die Quellen der
infantilen Sexualität die Behauptung aufgestellt, »daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei
einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die Intensität dieser Vorgänge nur gewisse
quantitative Grenzen überstiegen hat«. Ja, daß vielleicht »nichts Bedeutsameres im Organismus
vorfällt, was nicht seine Komponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hätte«.
Demnach müßte auch die Schmerz- und Unlusterregung diese Folge haben. Diese libidinöse
Miterregung bei Schmerz- und Unlustspannung wäre ein infantiler physiologischer
Mechanismus, der späterhin versiegt. Sie würde in den verschiedenen Sexualkonstitutionen eine
verschieden große Ausbildung erfahren, jedenfalls die physiologische Grundlage abgeben, die
dann als erogener Masochismus psychisch überbaut wird.
Die Unzulänglichkeit dieser Erklärung zeigt sich aber darin, daß in ihr kein Licht auf die
regelmäßigen und intimen Beziehungen des Masochismus zu seinem Widerpart im Triebleben,
dem Sadismus, geworfen wird. Geht man ein Stück weiter zurück bis zur Annahme der zwei
Triebarten, die wir uns im Lebewesen wirksam denken, so kommt man zu einer anderen, aber der
obigen nicht widersprechenden Ableitung. Die Libido trifft in (vielzelligen) Lebewesen auf den
dort herrschenden Todes- oder Destruktionstrieb, welcher dies Zellenwesen zersetzen und jeden
einzelnen Elementarorganismus in den Zustand der anorganischen Stabilität (wenn diese auch nur
relativ sein mag) überführen möchte. Sie hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb
unschädlich zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit
Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte
der Außenwelt richtet. Er heiße dann Destruktionstrieb, Bemächtigungstrieb, Wille zur Macht.
Ein Anteil dieses Triebes wird direkt in den Dienst der Sexualfunktion gestellt, wo er Wichtiges
zu leisten hat. Dies ist der eigentliche Sadismus. Ein anderer Anteil macht diese Verlegung nach
außen nicht mit, er verbleibt im Organismus und wird dort mit Hilfe der erwähnten sexuellen
Miterregung libidinös gebunden; in ihm haben wir den ursprünglichen, erogenen Masochismus
zu erkennen.
Es fehlt uns jedes physiologische Verständnis dafür, auf welchen Wegen und mit welchen
Mitteln sich diese Bändigung des Todestriebes durch die Libido vollziehen mag. Im
psychoanalytischen Gedankenkreis können wir nur annehmen, daß eine sehr ausgiebige, in ihren
Verhältnissen variable Vermischung und Verquickung der beiden Triebarten zustande kommt, so
daß wir überhaupt nicht mit reinen Todes- und Lebenstrieben, sondern nur mit
verschiedenwertigen Vermengungen derselben rechnen sollten. Der Triebvermischung mag unter
gewissen Einwirkungen eine Entmischung derselben entsprechen. Wie groß die Anteile der
Todestriebe sind, welche sich solcher Bändigung durch die Bindung an libidinöse Zusätze
entziehen, läßt sich derzeit nicht erraten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin