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sondern auf einem anderen, mehr selbstherrlichen Weg durch Schöpfung einer neuen Realität,
welche nicht mehr den nämlichen Anstoß bietet wie die verlassene. Der zweite Schritt wird also
bei der Neurose wie bei der Psychose von denselben Tendenzen getragen, er dient in beiden
Fällen dem Machtbestreben des Es, das sich von der Realität nicht zwingen läßt. Neurose wie
Psychose sind also beide Ausdruck der Rebellion des Es gegen die Außenwelt, seiner Unlust
oder, wenn man will, seiner Unfähigkeit, sich der realen Not, der ’Ανάγκη, anzupassen. Neurose
und Psychose unterscheiden sich weit mehr voneinander in der ersten, einleitenden Reaktion als
in dem auf sie folgenden Reparationsversuch.
Der anfängliche Unterschied kommt dann im Endergebnis in der Art zum Ausdruck, daß bei der
Neurose ein Stück der Realität fluchtartig vermieden, bei der Psychose aber umgebaut wird.
Oder: Bei der Psychose folgt auf die anfängliche Flucht eine aktive Phase des Umbaues, bei der
Neurose auf den anfänglichen Gehorsam ein nachträglicher Fluchtversuch. Oder noch anders
ausgedrückt: Die Neurose verleugnet die Realität nicht, sie will nur nichts von ihr wissen; die
Psychose verleugnet sie und sucht sie zu ersetzen. Normal oder »gesund« heißen wir ein
Verhalten, welches bestimmte Züge beider Reaktionen vereinigt, die Realität sowenig verleugnet
wie die Neurose, sich aber dann wie die Psychose um ihre Abänderung bemüht. Dies
zweckmäßige, normale Verhalten führt natürlich zu einer äußeren Arbeitsleistung an der
Außenwelt und begnügt sich nicht wie bei der Psychose mit der Herstellung innerer
Veränderungen; es ist nicht mehr autoplastisch, sondern alloplastisch.
Die Umarbeitung der Realität geschieht bei der Psychose an den psychischen Niederschlägen der
bisherigen Beziehungen zu ihr, also an den Erinnerungsspuren, Vorstellungen und Urteilen, die
man bisher von ihr gewonnen hatte und durch welche sie im Seelenleben vertreten war. Aber
diese Beziehung war nie eine abgeschlossene, sie wurde fortlaufend durch neue Wahrnehmungen
bereichert und abgeändert. Somit stellt sich auch für die Psychose die Aufgabe her, sich solche
Wahrnehmungen zu verschaffen, wie sie der neuen Realität entsprechen würden, was in
gründlichster Weise auf dem Wege der Halluzination erreicht wird. Wenn die
Erinnerungstäuschungen, Wahnbildungen und Halluzinationen bei so vielen Formen und Fällen
von Psychose den peinlichsten Charakter zeigen und mit Angstentwicklung verbunden sind, so ist
das wohl ein Anzeichen dafür, daß sich der ganze Umbildungsprozeß gegen heftig
widerstrebende Kräfte vollzieht. Man darf sich den Vorgang nach dem uns besser bekannten
Vorbild der Neurose konstruieren. Hier sehen wir, daß jedesmal mit Angst reagiert wird, sooft
der verdrängte Trieb einen Vorstoß macht, und daß das Ergebnis des Konflikts doch nur ein
Kompromiß und als Befriedigung unvollkommen ist. Wahrscheinlich drängt sich bei der
Psychose das abgewiesene Stück der Realität immer wieder dem Seelenleben auf, wie bei der
Neurose der verdrängte Trieb, und darum sind auch die Folgen in beiden Fällen die gleichen. Die
Erörterung der verschiedenen Mechanismen, welche bei den Psychosen die Abwendung von der
Realität und den Wiederaufbau einer solchen bewerkstelligen sollen, sowie des Ausmaßes von
Erfolg, das sie erzielen können, ist eine noch nicht in Angriff genommene Aufgabe der speziellen
Psychiatrie.
Es ist also eine weitere Analogie zwischen Neurose und Psychose, daß bei beiden die Aufgabe,
die im zweiten Schritt in Angriff genommen wird, teilweise mißlingt, indem sich der verdrängte
Trieb keinen vollen Ersatz schaffen kann (Neurose) und die Realitätsvertretung sich nicht in die
befriedigenden Formen umgießen läßt. (Wenigstens nicht bei allen Formen der psychischen
Erkrankungen.) Aber die Akzente sind in den zwei Fällen anders verteilt. Bei der Psychose ruht
der Akzent ganz auf dem ersten Schritt, der an sich krankhaft ist und nur zu Kranksein führen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin