Seite - 910 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 910 -
Text der Seite - 910 -
kann, bei der Neurose hingegen auf dem zweiten, dem Mißlingen der Verdrängung, während der
erste Schritt gelingen kann und auch im Rahmen der Gesundheit ungezählte Male gelungen ist,
wenn auch nicht ganz ohne Kosten zu machen und Anzeichen des erforderten psychischen
Aufwandes zu hinterlassen. Diese Differenzen und vielleicht noch viele andere sind die Folge der
topischen Verschiedenheit in der Ausgangssituation des pathogenen Konflikts, ob das Ich darin
seiner Anhänglichkeit an die reale Welt oder seiner Abhängigkeit vom Es nachgegeben hat.
Die Neurose begnügt sich in der Regel damit, das betreffende Stück der Realität zu vermeiden
und sich gegen das Zusammentreffen mit ihm zu schützen. Der scharfe Unterschied zwischen
Neurose und Psychose wird aber dadurch abgeschwächt, daß es auch bei der Neurose an
Versuchen nicht fehlt, die unerwünschte Realität durch eine wunschgerechtere zu ersetzen. Die
Möglichkeit hiezu gibt die Existenz einer Phantasiewelt, eines Gebietes, das seinerzeit bei der
Einsetzung des Realitätsprinzips von der realen Außenwelt abgesondert wurde, seither nach Art
einer »Schonung« von den Anforderungen der Lebensnotwendigkeit freigehalten wird und das
dem Ich nicht unzugänglich ist, aber ihm nur lose anhängt. Aus dieser Phantasiewelt entnimmt
die Neurose das Material für ihre Wunschneubildungen und findet es dort gewöhnlich auf dem
Wege der Regression in eine befriedigendere reale Vorzeit.
Es ist kaum zweifelhaft, daß die Phantasiewelt bei der Psychose die nämliche Rolle spielt, daß sie
auch hier die Vorratskammer darstellt, aus der der Stoff oder die Muster für den Aufbau der
neuen Realität geholt werden. Aber die neue, phantastische Außenwelt der Psychose will sich an
die Stelle der äußeren Realität setzen, die der Neurose hingegen lehnt sich wie das Kinderspiel
gern an ein Stück der Realität an – ein anderes als das, wogegen sie sich wehren mußte –, verleiht
ihm eine besondere Bedeutung und einen geheimen Sinn, den wir nicht immer ganz zutreffend
einen symbolischen heißen. So kommt für beide, Neurose wie Psychose, nicht nur die Frage des
Realitätsverlustes, sondern auch die eines Realitätsersatzes in Betracht.
[◀]
910
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin