Seite - 912 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wenn ich meinem Gedächtnis mißtraue – der Neurotiker tut dies bekanntlich in auffälligem
Ausmaße, aber auch der Normale hat allen Grund dazu –, so kann ich dessen Funktion ergänzen
und versichern, indem ich mir eine schriftliche Aufzeichnung mache. Die Fläche, welche diese
Aufzeichnung bewahrt, die Schreibtafel oder das Blatt Papier, ist dann gleichsam ein
materialisiertes Stück des Erinnerungsapparates, den ich sonst unsichtbar in mir trage. Wenn ich
mir nur den Ort merke, an dem die so fixierte »Erinnerung« untergebracht ist, so kann ich sie
jederzeit nach Belieben »reproduzieren« und bin sicher, daß sie unverändert geblieben, also den
Entstellungen entgangen ist, die sie vielleicht in meinem Gedächtnis erfahren hätte.
Wenn ich mich dieser Technik zur Verbesserung meiner Gedächtnisfunktion in ausgiebiger
Weise bedienen will, bemerke ich, daß mir zwei verschiedene Verfahren zu Gebote stehen. Ich
kann erstens eine Schreibfläche wählen, welche die ihr anvertraute Notiz unbestimmt lange
unversehrt bewahrt, also ein Blatt Papier, das ich mit Tinte beschreibe. Ich erhalte dann eine
»dauerhafte Erinnerungsspur«. Der Nachteil dieses Verfahrens besteht darin, daß die
Aufnahmsfähigkeit der Schreibfläche sich bald erschöpft. Das Blatt ist vollgeschrieben, hat
keinen Raum für neue Aufzeichnungen, und ich sehe mich genötigt, ein anderes, noch
unbeschriebenes Blatt in Verwendung zu nehmen. Auch kann der Vorzug dieses Verfahrens, das
eine »Dauerspur« liefert, seinen Wert für mich verlieren, nämlich wenn mein Interesse an der
Notiz nach einiger Zeit erloschen ist und ich sie nicht mehr »im Gedächtnis behalten« will. Das
andere Verfahren ist von beiden Mängeln frei. Wenn ich zum Beispiel mit Kreide auf eine
Schiefertafel schreibe, so habe ich eine Aufnahmsfläche, die unbegrenzt lange aufnahmsfähig
bleibt und deren Aufzeichnungen ich zerstören kann, sobald sie mich nicht mehr interessieren,
ohne die Schreibfläche selbst verwerfen zu müssen. Der Nachteil ist hier, daß ich eine Dauerspur
nicht erhalten kann. Will ich neue Notizen auf die Tafel bringen, so muß ich die, mit denen sie
bereits bedeckt ist, wegwischen. Unbegrenzte Aufnahmsfähigkeit und Erhaltung von
Dauerspuren scheinen sich also für die Vorrichtungen, mit denen wir unser Gedächtnis
substituieren, auszuschließen, es muß entweder die aufnehmende Fläche erneut oder die
Aufzeichnung vernichtet werden.
Die Hilfsapparate, welche wir zur Verbesserung oder Verstärkung unserer Sinnesfunktionen
erfunden haben, sind alle so gebaut wie das Sinnesorgan selbst oder Teile desselben (Brille,
photographische Kamera, Hörrohr usw.). An diesem Maß gemessen, scheinen die
Hilfsvorrichtungen für unser Gedächtnis besonders mangelhaft zu sein, denn unser seelischer
Apparat leistet gerade das, was diese nicht können; er ist in unbegrenzter Weise aufnahmsfähig
für immer neue Wahrnehmungen und schafft doch dauerhafte – wenn auch nicht unveränderliche
– Erinnerungsspuren von ihnen. Ich habe schon in der Traumdeutung 1900 die Vermutung
ausgesprochen, daß diese ungewöhnliche Fähigkeit auf die Leistung zweier verschiedener
Systeme (Organe des seelischen Apparates) aufzuteilen sei. Wir besäßen ein System W-Bw,
welches die Wahrnehmungen aufnimmt, aber keine Dauerspur von ihnen bewahrt, so daß es sich
gegen jede neue Wahrnehmung wie ein unbeschriebenes Blatt verhalten kann. Die Dauerspuren
der auf genommenen Erregungen kämen in dahinter gelegenen »Erinnerungssystemen« zustande.
Später (Jenseits des Lustprinzips) habe ich die Bemerkung hinzugefügt, das unerklärliche
Phänomen des Bewußtseins entstehe im Wahrnehmungssystem an Stelle der Dauerspuren.
Vor einiger Zeit ist nun unter dem Namen Wunderblock ein kleines Gerät in den Handel
gekommen, das mehr zu leisten verspricht als das Blatt Papier oder die Schiefertafel. Es will
nicht mehr sein als eine Schreibtafel, von der man die Aufzeichnungen mit einer bequemen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin