Seite - 916 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Art, wie unsere Patienten ihre Einfälle während der analytischen Arbeit vorbringen, gibt uns
Anlaß zu einigen interessanten Beobachtungen. »Sie werden jetzt denken, ich will etwas
Beleidigendes sagen, aber ich habe wirklich nicht diese Absicht.« Wir verstehen, das ist die
Abweisung eines eben auftauchenden Einfalles durch Projektion. Oder: »Sie fragen, wer diese
Person im Traum sein kann. Die Mutter ist es nicht.« Wir berichtigen: »Also ist es die Mutter.«
Wir nehmen uns die Freiheit, bei der Deutung von der Verneinung abzusehen und den reinen
Inhalt des Einfalls herauszugreifen. Es ist so, als ob der Patient gesagt hätte: »Mir ist zwar die
Mutter zu dieser Person eingefallen, aber ich habe keine Lust, diesen Einfall gelten zu lassen.«
Gelegentlich kann man sich eine gesuchte Aufklärung über das unbewußte Verdrängte auf eine
sehr bequeme Weise verschaffen. Man fragt: »Was halten Sie wohl für das
Allerunwahrscheinlichste in jener Situation? Was, meinen Sie, ist Ihnen damals am fernsten
gelegen?« Geht der Patient in die Falle und nennt das, woran er am wenigsten glauben kann, so
hat er damit fast immer das Richtige zugestanden. Ein hübsches Gegenstück zu diesem Versuch
stellt sich oft beim Zwangsneurotiker her, der bereits in das Verständnis seiner Symptome
eingeführt worden ist. »Ich habe eine neue Zwangsvorstellung bekommen. Mir ist sofort dazu
eingefallen, sie könnte dies Bestimmte bedeuten. Aber nein, das kann ja nicht wahr sein, sonst
hätte es mir nicht einfallen können.« Was er mit dieser der Kur abgelauschten Begründung
verwirft, ist natürlich der richtige Sinn der neuen Zwangsvorstellung.
Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedankeninhalt kann also zum Bewußtsein durchdringen,
unter der Bedingung, daß er sich verneinen läßt. Die Verneinung ist eine Art, das Verdrängte zur
Kenntnis zu nehmen, eigentlich schon eine Aufhebung der Verdrängung, aber freilich keine
Annahme des Verdrängten. Man sieht, wie sich hier die intellektuelle Funktion vom affektiven
Vorgang scheidet. Mit Hilfe der Verneinung wird nur die eine Folge des Verdrängungsvorganges
rückgängig gemacht, daß dessen Vorstellungsinhalt nicht zum Bewußtsein gelangt. Es resultiert
daraus eine Art von intellektueller Annahme des Verdrängten bei Fortbestand des Wesentlichen
an der Verdrängung[99]. Im Verlauf der analytischen Arbeit schaffen wir oft eine andere, sehr
wichtige und ziemlich befremdende Abänderung derselben Situation. Es gelingt uns, auch die
Verneinung zu besiegen und die volle intellektuelle Annahme des Verdrängten durchzusetzen –
der Verdrängungsvorgang selbst ist damit noch nicht aufgehoben.
Da es die Aufgabe der intellektuellen Urteilsfunktion ist, Gedankeninhalte zu bejahen oder zu
verneinen, haben uns die vorstehenden Bemerkungen zum psychologischen Ursprung dieser
Funktion geführt. Etwas im Urteil verneinen, heißt im Grunde: »Das ist etwas, was ich am
liebsten verdrängen möchte.« Die Verurteilung ist der intellektuelle Ersatz der Verdrängung, ihr
»Nein« ein Merkzeichen derselben, ein Ursprungszertifikat etwa wie das » made in Germany«.
Vermittels des Verneinungssymbols macht sich das Denken von den Einschränkungen der
Verdrängung frei und bereichert sich um Inhalte, deren es für seine Leistung nicht entbehren
kann.
Die Urteilsfunktion hat im wesentlichen zwei Entscheidungen zu treffen. Sie soll einem Ding
eine Eigenschaft zu- oder absprechen, und sie soll einer Vorstellung die Existenz in der Realität
zugestehen oder bestreiten. Die Eigenschaft, über die entschieden werden soll, könnte
ursprünglich gut oder schlecht, nützlich oder schädlich gewesen sein. In der Sprache der ältesten,
oralen Triebregungen ausgedrückt: »Das will ich essen oder will es ausspucken«, und in
weitergehender Übertragung: »Das will ich in mich einführen und das aus mir ausschließen.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin