Seite - 925 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich befinde mich einen Moment lang in der interessanten Lage, nicht zu wissen, ob das, was ich
mitteilen will, als längst bekannt und selbstverständlich oder als völlig neu und befremdend
gewertet werden soll. Ich glaube aber eher das letztere.
Es ist mir endlich aufgefallen, daß das jugendliche Ich der Person, die man Jahrzehnte später als
analytischen Patienten kennenlernt, sich in bestimmten Situationen der Bedrängnis in
merkwürdiger Weise benommen hat. Die Bedingung hiefür kann man allgemein und eher
unbestimmt angeben, wenn man sagt, es geschieht unter der Einwirkung eines psychischen
Traumas. Ich ziehe es vor, einen scharf umschriebenen Einzelfall hervorzuheben, der gewiß nicht
alle Möglichkeiten der Verursachung deckt. Das Ich des Kindes befinde sich also im Dienste
eines mächtigen Triebanspruchs, den zu befriedigen es gewohnt ist, und wird plötzlich durch ein
Erlebnis geschreckt, das ihn lehrt, die Fortsetzung dieser Befriedigung werde eine schwer
erträgliche reale Gefahr zur Folge haben. Es soll sich nun entscheiden: entweder die reale Gefahr
anerkennen, sich vor ihr beugen und auf die Triebbefriedigung verzichten, oder die Realität
verleugnen, sich glauben machen, daß kein Grund zum Fürchten besteht, damit es an der
Befriedigung festhalten kann. Es ist also ein Konflikt zwischen dem Anspruch des Triebes und
dem Einspruch der Realität. Das Kind tut aber keines von beiden, oder vielmehr, es tut
gleichzeitig beides, was auf dasselbe hinauskommt. Es antwortet auf den Konflikt mit zwei
entgegengesetzten Reaktionen, beide giltig und wirksam. Einerseits weist es mit Hilfe bestimmter
Mechanismen die Realität ab und läßt sich nichts verbieten, anderseits anerkennt es im gleichen
Atem die Gefahr der Realität, nimmt die Angst vor ihr als Leidenssymptom auf sich und sucht
sich später ihrer zu erwehren. Man muß zugeben, das ist eine sehr geschickte Lösung der
Schwierigkeit. Beide streitende Parteien haben ihr Teil bekommen; der Trieb darf seine
Befriedigung behalten, der Realität ist der gebührende Respekt gezollt worden. Aber umsonst ist
bekanntlich nur der Tod. Der Erfolg wurde erreicht auf Kosten eines Einrisses im Ich, der nie
wieder verheilen, aber sich mit der Zeit vergrößern wird. Die beiden entgegengesetzten
Reaktionen auf den Konflikt bleiben als Kern einer Ichspaltung bestehen. Der ganze Vorgang
erscheint uns so sonderbar, weil wir die Synthese der Ichvorgänge für etwas Selbstverständliches
halten. Aber wir haben offenbar darin unrecht. Die so außerordentlich wichtige synthetische
Funktion des Ichs hat ihre besonderen Bedingungen und unterliegt einer ganzen Reihe von
Störungen.
Es kann nur von Vorteil sein, wenn ich in diese schematische Darstellung die Daten einer
besonderen Krankengeschichte einsetze. Ein Knabe hat im Alter zwischen drei und vier Jahren
das weibliche Genitale kennengelernt durch Verführung von Seiten eines älteren Mädchens.
Nach Abbruch dieser Beziehungen setzt er die so empfangene sexuelle Anregung in eifriger
manueller Onanie fort, wird aber bald von der energischen Kinderpflegerin ertappt und mit der
Kastration bedroht, deren Ausführung, wie gewöhnlich, dem Vater zugeschoben wird. Die
Bedingungen für eine ungeheure Schreckwirkung sind in diesem Falle gegeben. Die
Kastrationsdrohung für sich allein muß nicht viel Eindruck machen, das Kind verweigert ihr den
Glauben, es kann sich nicht leicht vorstellen, daß eine Trennung von dem so hoch eingeschätzten
Körperteil möglich ist. Beim Anblick des weiblichen Genitales hätte sich das Kind von einer
solchen Möglichkeit überzeugen können, aber das Kind hatte damals den Schluß nicht gezogen,
weil die Abneigung dagegen zu groß und kein Motiv vorhanden war, das ihn erzwang. Im
Gegenteile, was sich etwa an Unbehagen regte, wurde durch die Auskunft beschwichtigt, was da
fehlt, wird noch kommen, es – das Glied – wird ihr später wachsen. Wer genug kleine Knaben
beobachtet hat, kann sich an eine solche Äußerung beim Anblick des Genitales der kleinen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin