Seite - 941 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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in einer Mischwortbildung, sondern auch in einer anderen Abänderung des Ausdrucks gegeben
sein könne. Worin dieser andersartige Ersatz bestehen mag, wollen wir aus anderen Witzen des
Herrn N. lernen.
»Ich bin tête-à-bête mit ihm gefahren.« Nichts leichter als diesen Witz zu reduzieren. Offenbar
kann es dann nur heißen: Ich bin tête-à-tête mit dem X. gefahren, und der X. ist ein dummes
Vieh.
Keiner der beiden Sätze ist witzig. Oder in einen Satz zusammengezogen: Ich bin tête-à-tête mit
dem dummen Vieh von X. gefahren, was ebensowenig witzig ist. Der Witz stellt sich erst her,
wenn das »dumme Vieh« weggelassen wird und zum Ersatz dafür das eine tête sein t in b
verwandelt, mit welcher geringen Modifikation das erst unterdrückte »Vieh« doch wieder zum
Ausdruck gelangt. Man kann die Technik dieser Gruppe von Witzen beschreiben als Verdichtung
mit leichter Modifikation und ahnt, daß der Witz um so besser sein wird, je geringfügiger die
Modifikation ausfällt.
Ganz ähnlich, obwohl nicht unkompliziert, ist die Technik eines anderen Witzes. Herr N. sagt im
Wechselgespräch über eine Person, an der manches zu rühmen und vieles auszusetzen ist: »Ja,
die Eitelkeit ist eine seiner vier Achillesfersen.«[9] Die leichte Modifikation besteht hier darin, daß
anstatt der einen Achillesferse, die man ja auch beim Helden zugestehen muß, deren vier
behauptet werden. Vier Fersen, also vier Füße hat aber nur das Vieh. Somit haben die beiden im
Witz verdichteten Gedanken gelautet: »Y. ist bis auf seine Eitelkeit ein hervorragender Mensch;
aber ich mag ihn doch nicht, er ist doch eher ein Vieh als ein Mensch.«[10]
Ähnlich, nur viel einfacher, ist ein anderer Witz, den ich in einem Familienkreise in statu
nascendi zu hören bekam. Von zwei Brüdern, Gymnasiasten, ist der eine ein vortrefflicher, der
andere ein recht mittelmäßiger Schüler. Nun passiert auch dem Musterknaben einmal ein Unfall
in der Schule, den die Mutter zur Sprache bringt, um der Besorgnis Ausdruck zu geben, das
Ereignis könne den Anfang einer dauernden Verschlechterung bedeuten. Der bisher durch seinen
Bruder verdunkelte Knabe greift diesen Anlaß bereitwillig auf. Ja, sagt er, Karl geht auf allen
Vieren zurück.
Die Modifikation besteht hier in einem kleinen Zusatz zur Versicherung, daß der andere auch
nach seinem Urteil zurückgeht. Diese Modifikation vertritt und ersetzt aber ein leidenschaftliches
Plaidoyer für die eigene Sache: Überhaupt müßt ihr nicht glauben, daß er darum soviel gescheiter
ist als ich, weil er in der Schule besseren Erfolg hat. Er ist doch nur ein dummes Vieh, d. h. viel
dümmer, als ich bin.
Ein schönes Beispiel von Verdichtung mit leichter Modifikation zeigt ein anderer sehr bekannter
Witz des Herrn N., der von einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit behauptete, sie
habe eine große Zukunft hinter sich. Es war ein jüngerer Mann, auf den dieser Witz zielte, der
durch seine Abstammung, Erziehung und seine persönlichen Eigenschaften berufen erschien,
dereinst die Führung einer großen Partei zu übernehmen und an ihrer Spitze zur Regierung zu
gelangen. Aber die Zeiten änderten sich, die Partei wurde regierungsunfähig, und nun ließ sich
vorhersehen, daß auch der zu ihrem Führer prädestinierte Mann es zu nichts bringen werde. Die
kürzeste reduzierte Fassung, durch die man diesen Witz ersetzen könnte, würde lauten: Der Mann
hat eine große Zukunft vor sich gehabt, mit der ist es aber jetzt aus. Anstatt des »gehabt« und des
Nachsatzes die kleine Veränderung im Hauptsatze, daß das »vor« durch ein »hinter«, sein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin