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des Anstoßes und Ärgernisses.«[12]
Welches ist aber die Technik dieses Witzes?
Da zeigt es sich, daß der Charakter, welchen wir vielleicht hofften allgemein nachzuweisen,
schon bei dem ersten neuen Fall versagt. Es liegt hier keine Auslassung, kaum eine Verkürzung
vor. Die Dame sagt im Witze selbst fast alles aus, was wir ihren Gedanken unterlegen können.
»Sie haben mich auf einen Verwandten von J. J. Rousseau gespannt gemacht, vielleicht einen
Geistesverwandten, und siehe da, es ist ein rothaariger dummer Junge, ein roux et sot.« Ich habe
da allerdings einen Zusatz, eine Einschaltung machen können, aber dieser Reduktionsversuch
hebt den Witz nicht auf. Er bleibt und haftet an dem Gleichklang von
ROUSSEAU / ROUX SOT. Damit ist nun erwiesen, daß die Verdichtung mit Ersatzbildung an
dem Zustandekommen dieses Witzes keinen Anteil hat.
Was aber sonst? Neue Versuche zur Reduktion können mich belehren, daß der Witz so lange
resistent bleibt, bis der Name Rousseau durch einen anderen ersetzt wird. Ich setze z.
B. anstatt
desselben Racine ein und sofort hat die Kritik der Dame, die ebenso möglich bleibt wie vorhin,
jede Spur von Witz eingebüßt. Nun weiß ich, wo ich die Technik dieses Witzes zu suchen habe,
kann aber noch über deren Formulierung schwanken; ich will folgende versuchen: Die Technik
des Witzes liegt darin, daß ein und dasselbe Wort – der Name – in zweifacher Verwendung
vorkommt, einmal als Ganzes und dann in seine Silben zerteilt wie in einer Scharade.
Ich kann einige wenige Beispiele anführen, die in ihrer Technik mit diesem identisch sind.
Mit einem auf der gleichen Technik der zweifachen Verwendung beruhenden Witz soll sich eine
italienische Dame für eine taktlose Bemerkung des ersten Napoleon gerächt haben. Er sagte ihr
auf einem Hofballe, auf ihre Landsleute deutend: »Tutti gli Italiani danzano si male«, und sie
erwiderte schlagfertig: »Non tutti, ma buona parte.« (Brill, 1911.)
(Nach Th. Vischer und K. Fischer.) Als in Berlin einmal die Antigone aufgeführt wurde, fand die
Kritik, daß die Aufführung des antiken Charakters entbehrt habe. Der Berliner Witz machte sich
diese Kritik in folgender Weise zu eigen: Antik? Oh, nee.
In ärztlichen Kreisen ist ein analoger Zerteilungswitz heimisch. Wenn man einen seiner
jugendlichen Patienten befragte, ob er sich je mit der Masturbation befaßt habe, würde man
gewiß keine andere Antwort hören als: O na, nie.
In allen drei Beispielen, die für die Gattung genügen mögen, dieselbe Technik des Witzes. Ein
Name wird in ihnen zweimal verwendet, das eine Mal ganz, das andere Mal in seine Silben
zerteilt, in welcher Zerteilung seine Silben einen gewissen anderen Sinn ergeben[13]
Die mehrfache Verwendung desselben Wortes einmal als eines Ganzen und dann der Silben, in
die es sich zerfällen läßt, war der erste Fall einer von der Verdichtung abweichenden Technik, der
uns begegnet ist. Nach kurzer Besinnung müssen wir aber aus der Fülle der uns zuströmenden
Beispiele erraten, daß die neu aufgefundene Technik kaum auf dieses Mittel beschränkt sein
dürfte. Es gibt offenbar eine zunächst noch gar nicht übersehbare Anzahl von Möglichkeiten, wie
man dasselbe Wort oder dasselbe Material von Worten zur mehrfachen Verwendung in einem
Satze ausnützen kann. Sollten uns alle diese Möglichkeiten als technische Mittel des Witzes
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin