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Besseres. Aber die Technik des Witzes liegt in der Verwendung fast der nämlichen Worte,
welche die Unwissenheit des Geprüften bezeugen, zu seiner Bestrafung durch den Prüfer. Der
Witz ist außerdem ein Beispiel von »Schlagfertigkeit«, deren Technik, wie sich zeigen lassen
wird, von der hier erläuterten nicht viel absteht.
Worte sind ein plastisches Material, mit dem sich allerlei anfangen läßt. Es gibt Worte, welche in
gewissen Verwendungen die ursprüngliche volle Bedeutung eingebüßt haben, deren sie sich in
anderem Zusammenhange noch erfreuen. In einem Witz von Lichtenberg sind gerade jene
Verhältnisse herausgesucht, unter denen die abgeblaßten Worte ihre volle Bedeutung wieder
bekommen müssen.
»Wie geht’s?« fragte der Blinde den Lahmen. »Wie Sie sehen«, antwortete der Lahme dem
Blinden.
Es gibt im Deutschen auch Worte, die in anderem Sinne voll und leer genommen werden können,
und zwar in mehr als nur einem. Es können nämlich zwei verschiedene Abkömmlinge desselben
Stammes, das eine sich zu einem Worte mit voller Bedeutung, das andere sich zu einer
abgeblaßten End- oder Anhängesilbe entwickelt haben, und beide doch vollkommen gleich
lauten. Der Gleichlaut zwischen einem vollen Wort und einer abgeblaßten Silbe mag auch ein
zufälliger sein. In beiden Fällen kann die Witztechnik aus solchen Verhältnissen des
Sprachmaterials Nutzen ziehen.
Schleiermacher wird z.
B. ein Witz zugeschrieben, der uns als fast reines Beispiel solcher
technischen Mittel wichtig ist: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden
schafft.
Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als Witz. Es fallen hier eine Menge von
Momenten weg, die uns bei der Analyse anderer Witze irremachen können, solange wir jeden
von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wortlaut ausgedrückte Gedanke ist wertlos;
er gibt jedenfalls eine recht ungenügende Definition der Eifersucht. Von »Sinn im Unsinn«,
»verborgenem Sinn«, »Verblüffung und Erleuchtung« ist keine Rede. Einen Vorstellungskontrast
wird man mit der größten Anstrengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den Worten
und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von einer Verkürzung ist nichts zu finden;
der Wortlaut macht im Gegenteil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es ein Witz,
selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger Charakter ist gleichzeitig derjenige, mit
dessen Aufhebung der Witz verschwindet, nämlich daß hier dieselben Worte eine mehrfache
Verwendung erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man diesen Witz jener Unterabteilung
zurechnen will, in welcher Worte einmal ganz und das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie
Rousseau, Antigone), oder jener anderen, in der die volle und die abgeblaßte Bedeutung von
Wortbestandteilen die Mannigfaltigkeit herstellen. Außer diesem ist nur noch ein anderes
Moment für die Technik des Witzes beachtenswert. Es ist hier ein ungewohnter Zusammenhang
hergestellt, eine Art Unifizierung vorgenommen worden, indem die Eifersucht durch ihren
eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst definiert ist. Auch dies ist, wie wir hier hören
werden, eine Technik des Witzes. Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend sein,
einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben. Wenn wir uns nun in die
Mannigfaltigkeit der »mehrfachen Verwendung« desselben Wortes noch weiter einlassen, so
merken wir mit einem Male, daß wir Formen von »Doppelsinn« oder »Wortspiel« vor uns haben,
die als Technik des Witzes längst allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin