Seite - 947 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der seichtesten Abhandlung über den Witz
hätten entnehmen können? Wir können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß wir
an dem nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks doch eine andere Seite hervorheben.
Was bei den Autoren den »spielerischen« Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns unter
den Gesichtspunkt der »mehrfachen Verwendung«.
Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man auch als Doppelsinn zu einer neuen,
dritten Gruppe vereinigen kann, lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die freilich nicht
durch wesentliche Unterscheidungen voneinander gesondert sind, ebensowenig wie die ganze
dritte Gruppe von der zweiten. Da gibt es zunächst
a) die Fälle von Doppelsinn eines Namens und seiner dinglichen Bedeutung, z. B. »Drück dich
aus unserer Gesellschaft ab, Pistol« (bei Shakespeare).
»Mehr Hof als Freiung«, sagte ein witziger Wiener mit Beziehung auf mehrere schöne
Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten.
»Hof« und »Freiung« sind zwei aneinanderstoßende Plätze im Innern der Stadt Wien.
Heine: »Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier herrscht Banko«
(Banquo).
Wo der unveränderte Name nicht brauchbar – man könnte sagen: nicht mißbrauchbar – ist, kann
man mittels einer der uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm gewinnen:
»Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurückgewiesen?« fragte man in nun
überwundenen Zeiten. Die Antwort lautete: »Elsa’s (Elsaß) wegen.«
b) den Doppelsinn der sachlichen und metaphorischen Bedeutung eines Wortes, der eine
ergiebige Quelle für die Witztechnik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold bekannter
ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter Arthur Schnitzler: »Ich wundere mich nicht, daß du
ein großer Dichter geworden bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen den Spiegel
vorgehalten.« Der Spiegel, den der Vater des Dichters, der berühmte Arzt Dr. Schnitzler,
gehandhabt, war der Kehlkopfspiegel; nach einem bekannten Ausspruch Hamlets ist es der Zweck
des Schauspieles, also auch des Dichters, der es schafft, »der Natur gleichsam den Spiegel
vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert
und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen« (III. Akt, 2. Szene).
c) den eigentlichen Doppelsinn oder das Wortspiel, den sozusagen idealen Fall der mehrfachen
Verwendung; dem Wort wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silbenbestandteile
zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unterziehen, nicht die Sphäre, der es angehört,
etwa als Eigenname, mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im Gefüge des
Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Umstände zweierlei Sinn aussagen.
Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:
(Nach K. Fischer.) Eine der ersten Regentenhandlungen des letzten Napoleon war bekanntlich die
Wegnahme der Güter der Orleans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals: »C’est le premier
vol de l’aigle.« »Vol« heißt Flug, aber auch Raub.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin