Seite - 948 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von dessen Talent man ihm erzählt hatte,
auf die Probe zu stellen; bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz zu
machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle »Sujet« dieses Witzes sein. Der Hofmann
antwortete mit dem geschickten Bonmot: »Le roi n’est pas sujet.« »Sujet« heißt ja auch Untertan.
Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu dem ihn begleitenden Ehemanne
kopfschüttelnd: Die Frau gefällt mir nicht. Mir gefällt sie schon lange nicht, beeilt sich dieser
zuzustimmen.
Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, er hat aber seine Besorgnis um die
Kranke in solchen Worten ausgedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehelichen
Abneigung finden kann.
Von einer satirischen Komödie sagte Heine: »Diese Satire wäre nicht so bissig geworden, wenn
der Dichter mehr zu beißen gehabt hätte.« Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphorischem
und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber wem läge daran, hier an scharfen
Grenzen festzuhalten?
Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (Heymans, Lipps) in einer Form erzählt, durch
die ein Verständnis desselben verhindert wird[16]
Die richtige Fassung und Einkleidung fand ich unlängst in einer sonst wenig brauchbaren
Sammlung von Witzen[17].
»Saphir kam einst mit Rothschild zusammen. Sie hatten kaum ein Weilchen miteinander
geplaudert, als Saphir sagte: ›Hören Sie, Rothschild, meine Kasse ist dünn geworden, Sie könnten
mir 100 Dukaten pumpen.‹ ›Je nun‹, erwiderte Rothschild, ›darauf soll es mir nicht ankommen,
aber nur unter der Bedingung, daß Sie einen Witz machen.‹ ›Darauf soll’s mir ebenfalls nicht
ankommen‹, versetzte Saphir. ›Gut, so kommen Sie morgen auf mein Bureau.‹ Saphir stellte sich
pünktlich ein. ›Ach‹, sagte Rothschild, als er den Eintretenden gewahrte. ›Sie kommen um Ihre
100 Dukaten.‹ ›Nein‹, erwiderte dieser, ›Sie kommen um Ihre 100 Dukaten, da es mir bis zum
Jüngsten Tage nicht einfallen wird, sie wieder zu bezahlen.‹«
»Was stellen diese Statuen vor?« fragt ein Fremder einen einheimischen Berliner angesichts einer
Front von Denkmälern auf einem öffentlichen Platz. »Je nu«, antwortet dieser, »entweder das
rechte oder das linke Bein.«[18]
Heine in der Harzreise: »Auch sind mir in diesem Augenblicke nicht alle Studentennamen im
Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben.«
Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung, wenn wir hier einen anderen
allbekannten Professorenwitz anschließen. »Der Unterschied zwischen ordentlichen und
außerordentlichen Professoren besteht darin, daß die ordentlichen nichts außerordentliches und
die außerordentlichen nichts ordentliches leisten.« Das ist gewiß ein Spiel mit den zwei
Bedeutungen der Worte »ordentlich« und »außerordentlich«, in und außer der ordo (dem Stande)
einerseits und tüchtig, beziehungsweise hervorragend, anderseits. Die Übereinstimmung dieses
Witzes aber mit anderen uns bekanntgewordenen Beispielen mahnt uns daran, daß hier die
mehrfache Verwendung weit auffälliger ist als der Doppelsinn. Man hört ja in dem Satz nichts
anderes als das immer wiederkehrende »ordentlich«, bald als solches, bald negativ modifiziert
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin