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nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der umfassendere Begriff. Die Beispiele von
Zerteilung, Umordnung des gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter
Modifikation (c, d, e) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht ohne Zwang unterordnen.
Aber welche Gemeinsamkeit gibt es zwischen der Technik der ersten Gruppe – Verdichtung mit
Ersatzbildung – und jener der beiden anderen, mehrfache Verwendung des nämlichen Materials?
Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt’ ich meinen. Die Verwendung des nämlichen
Materials ist ja nur ein Spezialfall der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine
Verdichtung ohne Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die übergeordnete Kategorie. Eine
zusammendrängende oder richtiger ersparende Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es
scheint alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz Hamlet sagt (Thrift, thrift, Horatio!).
Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen Beispielen. »C’est le premier vol de
l’aigle«. Das ist der erste Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet zum
Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl »Flug« als auch »Raub«. Ist dabei nichts verdichtet
und erspart worden? Gewiß der ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallengelassen
worden. Der Doppelsinn des Wortes vol macht solchen Ersatz überflüssig, oder ebenso richtig:
Das Wort vol enthält den Ersatz für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der erste Satz darum
einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben ist die Wohltat des Doppelsinnes.
Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne – eiserne Kasse – eiserne Krone. Welch außerordentliche
Ersparnis gegen eine Ausführung des Gedankens, in welcher der Ausdruck das »eisern« nicht
gefunden hätte! »Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit ist es nicht schwer, ein großes
Vermögen zu erwerben, und zur Belohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht
aus.«
Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis, unverkennbar. Sie soll aber in
allen nachweisbar sein. Wo steckt nun die Ersparnis in solchen Witzen wie Rousseau – roux et
sot, Anti-gone – antik? o – nee, in denen wir zuerst die Verdichtung vermißt haben, die uns vor
allem bewogen haben, die Technik der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials
aufzustellen? Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht durchkommen, aber wenn wir
diese mit dem ihr übergeordneten Begriff der »Ersparnis« vertauschen, geht es ohne
Schwierigkeit. Was wir in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen, ist leicht zu sagen.
Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein Urteil zu bilden, beides ist im Namen selbst schon
gegeben. Im Beispiel der Leidenschaft – Eifersucht ersparen wir es uns, eine Definition mühsam
zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft und – Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte
dazu, und die Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analysierten Beispiele.
Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem Wortspiel von Saphir: »Sie kommen um Ihre 100
Dukaten«, da wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden; der Wortlaut der
Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig, aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die
mehrfache Verwendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört gewiß zum
»Sparen«. Ganz, wie Hamlet die rasche Aufeinanderfolge des Todes seines Vaters und der
Hochzeit seiner Mutter aufgefaßt sehen will:
»Das Gebackene
Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin