Seite - 952 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 952 -
Text der Seite - 952 -
Ehe wir aber die »Tendenz zur Ersparnis« als den allgemeinsten Charakter der Witztechnik
annehmen und die Fragen stellen, woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn
des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum gönnen, der ein Recht hat,
angehört zu werden. Mag es sein, daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu
sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Ersparung am Ausdruck, jede
Kürzung, ist darum auch witzig. Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch
bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften, und damals machten wir uns
den berechtigten Einwand, ein Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere Art
von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der Charakter des Witzes hinge, und solange
wir diese Besonderheit nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der
Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem finden wir den Mut zu
bekennen, daß die Ersparungen, welche die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren
vermögen. Sie erinnern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, wenn sie, um einen
entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und Geld für die Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um
einige Heller wohlfeiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch seine Technik? Einige
neue Worte zusammenzufügen, die sich meist mühelos ergeben hätten; anstatt dessen muß er sich
die Mühe geben, das eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide Gedanken deckt; ja, er muß oft
erst den Ausdruck des einen Gedankens in eine nicht gebräuchliche Form umwandeln, bis diese
ihm den Anhalt zur Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken ergeben kann. Wäre es nicht
einfacher, leichter und eigentlich sparsamer gewesen, die beiden Gedanken so auszudrücken, wie
es sich eben trifft, auch wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Ausdruckes zustande kommt?
Wird die Ersparnis an geäußerten Worten nicht durch den Aufwand an intellektueller Leistung
mehr als aufgehoben? Und wer macht dabei die Ersparung, wem kommt sie zugute?
Wir können diesen Zweifeln vorläufig entgehen, wenn wir den Zweifel selbst an eine andere
Stelle versetzen. Kennen wir wirklich bereits alle Arten der Witztechnik? Es ist sicherlich
vorsichtiger, neue Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unterziehen.
[5]
Wir haben in der Tat einer großen, vielleicht der zahlreichsten Gruppe von Witzen noch nicht
gedacht und uns dabei vielleicht durch die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen
Witzen zuteil geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin Kalauer (calembourgs) genannt
werden und für die niedrigste Abart des Wortwitzes gelten, wahrscheinlich, weil sie am
»billigsten« sind, mit leichtester Mühe gemacht werden können. Und wirklich stellen sie den
mindesten Anspruch an die Technik des Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel den höchsten.
Wenn bei letzterem die beiden Bedeutungen in dem identischen und darum meist nur einmal
gesetzten Wort ihren Ausdruck finden sollen, so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die
beiden Bedeutungen durch irgendeine, aber unübersehbare Ähnlichkeit aneinander erinnern, sei
es durch eine allgemeine Ähnlichkeit ihrer Struktur, einen reimartigen Gleichklang, die
Gemeinsamkeit einiger anlautender Buchstaben u. dgl. Eine Häufung solcher, nicht ganz treffend
»Klangwitze« benannter Beispiele findet sich in der Predigt des Kapuziners in Wallensteins
Lager:
»Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg,
Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel,
952
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin