Seite - 955 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Schade, daß dieses schöne Beispiel so komplizierte technische Bedingungen enthält. Wir können
an ihm zu keiner Klärung kommen, verlassen es darum und suchen uns ein anderes, in dem wir
eine innere Verwandtschaft mit dem vorigen zu verspüren glauben.
Es sei einer der »Badewitze«, welche die Badescheu der Juden in Galizien behandeln. Wir
verlangen nämlich keinen Adelsbrief von unseren Beispielen, wir fragen nicht nach ihrer
Herkunft, sondern nur nach ihrer Tüchtigkeit, ob sie uns zum Lachen zu bringen vermögen und
ob sie unseres theoretischen Interesses würdig sind. Beiden diesen Anforderungen entsprechen
aber gerade die Judenwitze am besten.
Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen. »Hast du genommen ein Bad?« fragt
der eine. »Wieso?« fragt der andere dagegen, »fehlt eins?«
Wenn man über einen Witz recht herzlich lacht, ist man nicht gerade in der geeignetsten
Disposition, um seiner Technik nachzuforschen. Darum bereitet es einige Schwierigkeiten, sich
in diese Analysen hineinzufinden. »Das ist ein komisches Mißverständnis«, drängt sich uns auf. –
Gut, aber die Technik dieses Witzes? – Offenbar der doppelsinnige Gebrauch des Wortes
nehmen. Für den einen ist »nehmen« das farblos gewordene Hilfswort; für den anderen das
Verbum mit unabgeschwächter Bedeutung. Also ein Fall von »voll« und »leer« nehmen
desselben Wortes (Gruppe II, f). Ersetzen wir den Ausdruck »ein Bad genommen« durch den
gleichwertigen einfacheren »gebadet«, so fällt der Witz weg. Die Antwort paßt nicht mehr. Der
Witz haftet also wiederum am Ausdruck »genommen ein Bad«.
Ganz richtig, doch scheint es, daß auch in diesem Falle die Reduktion an unrichtiger Stelle
angesetzt hat. Der Witz liegt nicht in der Frage, sondern in der Antwort, in der Gegenfrage:
»Wieso? Fehlt eins?« Und diese Antwort ist ihres Witzes durch keine Erweiterung oder
Veränderung, die nur ihren Sinn ungestört läßt, zu berauben. Auch haben wir den Eindruck, daß
in der Antwort des zweiten Juden das Übersehen des Bades bedeutsamer ist als das
Mißverständnis des Wortes »nehmen«. Aber wir sehen auch hier noch nicht klar und wollen ein
drittes Beispiel suchen.
Wiederum ein Judenwitz, an dem aber nur das Beiwerk jüdisch ist, der Kern ist allgemein
menschlich. Gewiß hat auch dieses Beispiel seine unerwünschten Komplikationen, aber zum
Glück nicht diejenigen, welche uns bisher klarzusehen verhindert haben.
»Ein Verarmter hat sich von einem wohlhabenden Bekannten unter vielen Beteuerungen seiner
Notlage 25 fl. geborgt. Am selben Tage noch trifft ihn der Gönner im Restaurant vor einer
Schüssel Lachs mit Mayonnaise. Er macht ihm Vorwürfe: ›Wie, Sie borgen sich Geld von mir
aus und dann bestellen Sie sich Lachs mit Mayonnaise. Dazu haben Sie mein Geld gebraucht?‹
›Ich verstehe Sie nicht‹, antwortet der Beschuldigte, ›wenn ich kein Geld habe, kann ich nicht
essen Lachs mit Mayonnaise, wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise.
Also wann soll ich eigentlich essen Lachs mit Mayonnaise?‹«
Hier ist endlich nichts mehr von Doppelsinn zu entdecken. Auch die Wiederholung von »Lachs
mit Mayonnaise« kann nicht die Technik des Witzes enthalten, denn sie ist nicht »mehrfache
Verwendung« desselben Materials, sondern durch den Inhalt geforderte wirkliche Wiederholung
des Identischen. Wir dürfen vor dieser Analyse eine Weile ratlos bleiben, werden vielleicht zur
Ausflucht greifen wollen, der Anekdote, die uns lachen machte, den Charakter des Witzes zu
bestreiten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin