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und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis
vervollständigt, wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der dritten
Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den jungen Mann von dem Reichtum der
Familie zu überzeugen, so weit hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte recht zu
behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung umstoßen muß. Überall siegt der
Automatismus über die zweckmäßige Abänderung des Denkens und Äußerns.
Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken, wenn wir aufmerksam werden,
daß diese drei Geschichten mit dem gleichen Recht als »komisch« bezeichnet werden können,
wie wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des psychischen Automatismus gehört
zur Technik des Komischen wie jede Entlarvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier plötzlich
vor das Problem der Beziehung des Witzes zur Komik gestellt, das wir zu umgehen trachteten.
(Siehe Einleitung.) Sind diese Geschichten etwa nur »komisch« und nicht auch »witzig«?
Arbeitet hier die Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und wiederum, worin besteht der
besondere Charakter des Witzigen?
Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztuntersuchten Gruppe von Witzen in nichts
anderem als in der Anbringung von »Denkfehlern« besteht, sind aber genötigt zuzugestehen, daß
deren Untersuchung uns bisher mehr ins Dunkel als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch
die Erwartung nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des Witzes zu einem
Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangspunkt für weitere Einsichten werden kann.
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Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Untersuchung fortsetzen wollen, geben
leichtere Arbeit. Ihre Technik erinnert uns vor allem an Bekanntes.
Etwa ein Witz von Lichtenberg:
»Der Januarius ist der Monat, da man seinen guten Freunden Wünsche darbringt, und die
übrigen die, worin sie nicht erfüllt werden.«
Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten,
wollen wir uns den Eindruck von ihnen erst durch Häufung verstärken.
»Das menschliche Leben zerfällt in zwei Hälften, in der ersten wünscht man die zweite herbei,
und in der zweiten wünscht man die erste zurück.«
»Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was man nicht zu erfahren wünscht« (beide bei
K. Fischer).
Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine früher behandelte Gruppe gemahnt
werden, welche sich durch die »mehrfache Verwendung desselben Materials« auszeichnet. Das
letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage aufzuwerfen, warum wir es nicht dort
angereiht haben, anstatt es hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. Die Erfahrung wird
wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jener Stelle die Eifersucht (vgl. S. 36).
Auch würde ich mich gegen diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen
Beispielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist ein anderes Moment auffälliger
und bedeutsamer als die mehrfache Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin