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Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Seite - 966 -
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Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen von Vorstellungen zueinander, und Definitionen durcheinander oder durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte diesen Vorgang Unifizierung heißen; er ist offenbar der Verdichtung durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog. So werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben; in der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die erste zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Beziehungen zueinander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der Ähnlichkeit der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der Worte, welche uns eben an die mehrfache Verwendung des nämlichen Materials mahnen konnte (herbeiwünschen – zurückwünschen). In dem Witz von Lichtenberg sind der Januar und die ihm gegenübergestellten Monate durch eine wiederum modifizierte Beziehung zu etwas Drittem charakterisiert; dies sind die Glückwünsche, die man in dem einen Monat empfängt und die sich in den anderen nicht erfüllen. Der Unterschied von der mehrfachen Verwendung des gleichen Materials, die sich ja dem Doppelsinn annähert, ist hier recht deutlich[27]. Ein schönes Beispiel von Unifizierungswitz, das der Erläuterung nicht bedarf, ist folgendes: Der französische Odendichter J.  B. Rousseau schrieb eine Ode an die Nachwelt (à la posterité); Voltaire fand, daß der Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nachwelt zu kommen, und sagte witzig: »Dieses Gedicht wird nicht an seine Adresse gelangen.« (Nach K. Fischer). Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlagfertigen Witzen zugrunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im »Umkehren des Spießes«, im »Bezahlen mit gleicher Münze«, also in Herstellung einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff. Z.  B.: Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat: »Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?« Wirt: »Das nicht, aber es ist mir eine von deinen Semmeln unter den Nagel geraten.« (Nach Überhorst, Das Komische, Bd. 2, 1900.) Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und bemerkt in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen Person auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu fragen: »Hat Seine Mutter wohl einmal in der Residenz gedient?« – »Nein, Durchlaucht«, lautet die Antwort, »aber mein Vater.« Herzog Karl von Württemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung beschäftigt ist. »Kann Er meinen Schimmel blau färben?« ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: »Jawohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!« Bei dieser ausgezeichneten »Retourkutsche« – die eine unsinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung beantwortet – wirkt noch ein anderes technisches Moment mit, das ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet hätte: »Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das Sieden nicht vertragen.« Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders interessantes technisches Mittel zu 966
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Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Titel
Schriften von Sigmund Freud
Untertitel
(1856–1939)
Autor
Sigmund Freud
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
Abmessungen
21.6 x 28.0 cm
Seiten
2789
Schlagwörter
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Kategorien
Geisteswissenschaften
Medizin
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