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Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Seite - 969 -
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»Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt«, hatte Prinz Hamlet verächtlich gesagt. Lichtenberg weiß, daß diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann. Er fügt also das noch Fehlende hinzu: »Aber es gibt auch vieles in der Schulweisheit, das sich weder im Himmel noch auf Erden findet.« Seine Darstellung hebt zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von Hamlet gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt ein zweiter und noch größerer Vorwurf. Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung, sind zwei Judenwitze, allerdings von grobem Kaliber. Zwei Juden sprechen über das Baden. »Ich nehme jedes Jahr ein Bad«, sagt der eine, »ob ich es nötig habe oder nicht.« Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt. Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. »Ich kann dir sagen, was du gestern gegessen hast.« – »Nun, sag’.« – »Also Linsen.« – »Gefehlt, vorgestern!« Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung durchs Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender: Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen seines königlichen Wohlgefallens begleitet. »Bravo, bravo, mein lieber Geheimrat.« Nach vollendeter Operation tritt der Professor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: »Befehlen Majestät auch das andere Bein?« Was der Professor sich während des königlichen Beifalls gedacht haben mag, das ließ sich gewiß nicht unverändert aussprechen: »Das muß ja den Eindruck machen, als nehme ich dem armen Teufel das kranke Bein ab im königlichen Auftrag und nur wegen des königlichen Wohlgefallens. Ich habe doch wirklich andere Gründe für diese Operation.« Aber dann geht er vor den König hin und sagt: »Ich habe keine anderen Gründe für eine Operation als Ew. Majestät Auftrag. Der mir gespendete Beifall hat mich so beseligt, daß ich nur Ew. Majestät Befehl erwarte, um auch das gesunde Bein zu amputieren.« Es gelingt ihm so, sich verständlich zu machen, indem er das Gegenteil von dem aussagt, was er sich denkt und bei sich behalten muß. Dieses Gegenteil ist eine unglaubwürdige Überbietung. Die Darstellung durchs Gegenteil ist, wie wir an diesen Beispielen sehen, ein häufig gebrauchtes und kräftig wirkendes Mittel der Witztechnik. Aber wir dürfen auch etwas anderes nicht übersehen, daß diese Technik keineswegs dem Witz allein eigen ist. Wenn Marcus Antonius, nachdem er in langer Rede auf dem Forum die Stimmung der Zuhörer um Cäsars Leichnam umgemodelt, endlich wieder einmal die Worte hinwirft: »Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann …«, so weiß er, daß das Volk ihm nun den wahren Sinn seiner Worte entgegenschreien wird: 969
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Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Titel
Schriften von Sigmund Freud
Untertitel
(1856–1939)
Autor
Sigmund Freud
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
Abmessungen
21.6 x 28.0 cm
Seiten
2789
Schlagwörter
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Kategorien
Geisteswissenschaften
Medizin
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