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Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Seite - 972 -
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Oder: »Jede Klafter eine Königin«, eine Modifikation des bekannten Shakespeareschen »Jeder Zoll ein König« und eine Anspielung auf dieses Zitat, auf eine Vornehme und überlebensgroße Dame bezogen. Es wäre wirklich nicht viel Ernsthaftes dagegen zu sagen, wenn jemand diesen Witz vielmehr zu den Verdichtungen mit Modifikationen als Ersatzbildung (S. 28) stellen würde. (Vgl. tête-à-bête.) Von einer hochstrebenden, aber in der Verfolgung ihrer Ziele eigensinnigen Person sagte ein Freund: »Er hat ein Ideal vor dem Kopf.« »Ein Brett vor dem Kopf haben« ist die geläufige Redensart, auf welche diese Modifikation anspielt und deren Sinn sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Auch hier kann man die Technik als Verdichtung mit Modifikation beschreiben. Fast ununterscheidbar werden Anspielung durch Modifikation und Verdichtung mit Ersatzbildung, wenn sich die Modifikation auf die Veränderung von Buchstaben einschränkt, z.  B. Dichteritis. Die Anspielung auf die böse Seuche der Diphtheritis stellt auch das Dichten Unberufener als gemeingefährlich hin. Die Negationspartikeln ermöglichen sehr schöne Anspielungen mit geringen Abänderungskosten: »Mein Unglaubensgenosse Spinoza«, sagt Heine. »Wir von Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fronknechte« usw. … beginnt bei Lichtenberg ein nicht weiter ausgeführtes Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf solche Titulatur mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten auf die unmodifizierte. Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die Auslassung, der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar. Eigentlich wird bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teilweise ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir über eine Reihe von Beispielen von der krassen Auslassung zur eigentlichen Anspielung zurück. Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel: In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein dritter: Wenn der X das hört, bekommt er wieder eine Ohrfeige. Zur Technik dieses Witzes gehört zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn, denn eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: dann schreibt er einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden, daß usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also die technischen Mittel dieses Witzes. Heine: »Er lobt sich so stark, daß die Räucherkerzchen im Preise steigen.« Diese Lücke ist leicht auszufüllen. Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die nun als Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt. Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause! »Schon wieder ein Jahr vergangen!« seufzt der eine. 972
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Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Titel
Schriften von Sigmund Freud
Untertitel
(1856–1939)
Autor
Sigmund Freud
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
Abmessungen
21.6 x 28.0 cm
Seiten
2789
Schlagwörter
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Kategorien
Geisteswissenschaften
Medizin
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