Seite - 974 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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darauf aufmerksam, daß man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der
Darstellung durch das Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden Techniken zu einer einzigen
großen Gruppe vereinigen kann, für welche »indirekte Darstellung« der umfassendste Name
wäre. Denkfehler – Unifizierung – indirekte Darstellung heißen also die Gesichtspunkte, unter
welche sich die uns bekanntgewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen ließen.
Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben wir nun eine neue Unterart der
indirekten Darstellung zu erkennen, die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige
Beispiele belegen läßt. Es ist dies die Darstellung durch ein Kleines oder Kleinstes, welche die
Aufgabe löst, einen ganzen Charakter durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu bringen.
Die Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird durch die Erwägung ermöglicht, daß ja
diese Winzigkeit mit dem Darzustellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus ihm
ableiten läßt, z. B.:
Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich recht bequem gemacht, den Rock
aufgeknöpft, die Füße auf die Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort
nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur. Der Fremde blättert in einem
Buch, rechnet, besinnt sich und richtet plötzlich an den Juden die Frage: »Ich bitte Sie, wann
haben wir Jomkipur?« (Versöhnungstag.) »Aesoi«, sagt der Jude und legt die Füße wieder auf die
Bank, ehe er die Antwort gibt.
Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch ein Kleines an die Tendenz zur
Ersparnis anknüpft, welche wir nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte
Gemeinsame übrigbehalten haben.
Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes:
Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Baronin bei ihrer Entbindung beizustehen, erklärt den
Moment für noch nicht gekommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im
Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau Baronin an das Ohr der beiden
Männer. »Ah mon Dieu, que je souffre!« Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab: »Es ist
nichts, spielen wir weiter.« Eine Weile später hört man die Kreißende wieder: »Mein Gott, mein
Gott, was für Schmerzen!« – »Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Professor?« fragt der Baron. –
»Nein, nein, es ist noch nicht Zeit.« – Endlich hört man aus dem Nebenzimmer ein
unverkennbares: »Ai, waih, waih« geschrien; da wirft der Arzt die Karten weg und sagt: »Es ist
Zeit.«
Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die ursprüngliche Natur durchbrechen
läßt, und wie eine wichtige Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung
abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem Beispiel der schrittweisen
Veränderung der Klagerufe bei der gebärenden vornehmen Frau.
[12]
Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der Witz bedient, das Gleichnis, haben wir
uns so lange aufgespart, weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder
Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben haben, besonders deutlich
erkennen läßt. Wir haben schon vorhin eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung
vorliegenden Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zuzurechnen seien, nicht
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin