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Es wird hoffentlich niemand in Abrede stellen, daß das Wohlgefallen an dieser Art von sonst
anspruchslosen Reimen das nämliche ist, an dem wir den Witz erkennen.
Gute Beispiele von abstrakten oder harmlosen Gedankenwitzen findet man reichlich unter den
Lichtenbergschen Vergleichungen, von denen wir einige bereits kennengelernt haben. Ich füge
einige weitere hinzu:
»Sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen geschickt und an Leib und Seele einen
Quartanten wieder bekommen.«
»Um dieses Gebäude gehörig aufzuführen, muß vor allen Dingen ein guter Grund gelegt werden,
und da weiß ich keinen festeren, als wenn man über jede Schicht pro gleich eine Schicht kontra
aufträgt.«
»Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt ihn aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm,
der vierte besucht ihn auf dem Sterbebette und der fünfte begräbt ihn.« (Gleichnis mit
Unifizierung.)
»Er glaubte nicht allein keine Gespenster, sondern er fürchtete sich nicht einmal davor.« Der
Witz liegt hier ausschließlich an der widersinnigen Darstellung, die das gewöhnlich für geringer
Geschätzte in den Komparativ setzt, das für bedeutsamer Gehaltene zum Positiv nimmt. Mit
Verzicht auf diese witzige Einkleidung hieße es: es ist viel leichter, sich mit dem Verstand über
die Gespensterfurcht hinwegzusetzen, als sich ihrer bei vorkommender Gelegenheit zu erwehren.
Dies ist gar nicht mehr witzig, wohl aber eine richtige und noch zu wenig gewürdigte
psychologische Erkenntnis, die nämliche, der Lessing in den bekannten Worten Ausdruck gibt:
»Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.«
Ich kann die Gelegenheit, die sich hier bietet, ergreifen, um ein immerhin mögliches
Mißverständnis wegzuräumen. »Harmloser« oder »abstrakter« Witz soll nämlich keineswegs
gleichbedeutend sein mit »gehaltlosem« Witz, sondern eben nur den Gegensatz zu den später zu
besprechenden »tendenziösen« Witzen bezeichnen. Wie obiges Beispiel zeigt, kann ein
harmloser, d. i. tendenzloser Witz auch sehr gehaltvoll sein, etwas Wertvolles aussagen. Der
Gehalt eines Witzes ist aber vom Witz unabhängig und ist der Gehalt des Gedankens, der hier
durch eine besondere Veranstaltung witzig ausgedrückt wird. Freilich so wie die Uhrmacher ein
besonders gutes Werk auch mit einem kostbaren Gehäuse auszustatten pflegen, mag es auch beim
Witz vorkommen, daß die besten Witzleistungen gerade zur Einkleidung der gehaltvollsten
Gedanken benützt werden.
Wenn wir nun scharf auf die Unterscheidung von Gedankengehalt und witziger Einkleidung beim
Gedankenwitz achten, so gelangen wir zu einer Einsicht, welche uns viel Unsicherheit in unserem
Urteil über Witze aufzuklären vermag. Es stellt sich nämlich, was doch überraschend ist, heraus,
daß wir unser Wohlgefallen an einem Witz nach dem summierten Eindruck von Gehalt und
Witzleistung abgeben und uns durch den einen Faktor über das Ausmaß des anderen geradezu
täuschen lassen. Erst die Reduktion des Witzes klärt uns die Urteilstäuschung auf.
Das nämliche trifft übrigens auch beim Wortwitz zu. Wenn wir hören: »Die Erfahrung besteht
darin, daß man erfährt, was man nicht wünscht erfahren zu haben« – so sind wir verblüfft,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin