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also ursprünglich an das Weib gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzusetzen. Wenn
sich dann ein Mann in Männergesellschaft mit dem Erzählen oder Anhören von Zoten vergnügt,
so ist die ursprüngliche Situation, die infolge sozialer Hemmnisse nicht verwirklicht werden
kann, dabei mit vorgestellt. Wer über die gehörte Zote lacht, lacht wie ein Zuschauer bei einer
sexuellen Aggression.
Das Sexuelle, welches den Inhalt der Zote bildet, umfaßt mehr als das bei beiden Geschlechtern
Besondere, nämlich noch überdies das beiden Geschlechtern Gemeinsame, auf das die Scham
sich erstreckt, also das Exkrementelle in seinem ganzen Umfang. Dies ist aber der Umfang, den
das Sexuelle im Kindesalter hat, wo für die Vorstellung gleichsam eine Kloake existiert,
innerhalb deren Sexuelles und Exkrementelles schlecht oder gar nicht gesondert werden[32].
Überall im Gedankenbereich der Neurosenpsychologie schließt das Sexuelle noch das
Exkrementelle ein, wird es im alten, infantilen Sinne verstanden.
Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten Person, an die sie gerichtet ist. Durch
das Aussprechen der obszönen Worte zwingt sie die angegriffene Person zur Vorstellung des
betreffenden Körperteiles oder der Verrichtung und zeigt ihr, daß der Angreifer selbst sich
solches vorstellt. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Lust, das Sexuelle entblößt zu sehen, das
ursprüngliche Motiv der Zote ist.
Es kann der Klärung nur förderlich sein, wenn wir hier bis auf die Fundamente zurückgehen. Die
Neigung, das Geschlechtsbesondere entblößt zu schauen, ist eine der ursprünglichen
Komponenten unserer Libido. Sie ist selbst vielleicht bereits eine Ersetzung, geht auf eine als
primär zu supponierende Lust, das Sexuelle zu berühren, zurück. Wie so häufig, hat das Schauen
das Tasten auch hier abgelöst[33]. Die Schau- oder Tastlibido ist bei jedermann in zweifacher Art,
aktiv und passiv, männlich und weiblich, vorhanden, und bildet sich je nach dem Überwiegen des
Geschlechtscharakters nach der einen oder der anderen Richtung überwiegend aus. Bei jungen
Kindern kann man die Neigung zur Selbstentblößung leicht beobachten. Wo der Keim dieser
Neigung nicht das gewöhnliche Schicksal der Überlagerung und Unterdrückung erfährt, da
entwickelt er sich zu der als Exhibitionsdrang bekannten Perversion erwachsener Männer. Beim
Weibe wird die passive Exhibitionsneigung fast regelmäßig durch die großartige
Reaktionsleistung der sexuellen Schamhaftigkeit überlagert, aber nicht ohne daß ihr in der
Kleidung ein Ausfallspförtchen gespart bliebe. Wie dehnbar und nach Konvention und
Umständen variabel dann das der Frau als erlaubt verbliebene Maß von Exhibition ist, brauche
ich nur anzudeuten.
Beim Manne bleibt ein hoher Grad dieser Strebung als Teilstück der Libido bestehen und dient
zur Einleitung des Geschlechtsaktes. Wenn diese Strebung sich bei der ersten Annäherung an das
Weib geltend macht, muß sie sich aus zwei Motiven der Rede bedienen. Erstens um sich dem
Weibe anzuzeigen, und zweitens weil die Erweckung der Vorstellung durch die Rede das Weib
selbst in die korrespondierende Erregung versetzen und die Neigung zur passiven Exhibition bei
ihr erwecken kann. Diese werbende Rede ist noch nicht die Zote, geht aber in sie über. Wo
nämlich die Bereitschaft des Weibes sich rasch einstellt, da ist die obszöne Rede kurzlebig, sie
weicht alsbald der sexuellen Handlung. Anders, wenn auf die rasche Bereitschaft des Weibes
nicht zu rechnen ist, sondern an deren Statt die Abwehrreaktionen desselben auftreten. Dann wird
die sexuell erregende Rede als Zote Selbstzweck; da die sexuelle Aggression in ihrem
Fortschreiten bis zum Akt aufgehalten ist, verweilt sie bei der Hervorrufung der Erregung und
zieht Lust aus den Anzeichen derselben beim Weibe. Die Aggression ändert dabei wohl auch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin