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und der feinen Anspielung stehen der witzigen Zote, wie leicht an Beispielen gezeigt werden
kann, alle anderen Mittel des Wort- und Gedankenwitzes zur Verfügung.
Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner Tendenz leistet. Er ermöglicht die
Befriedigung eines Triebes (des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes
Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust aus einer durch das Hindernis
unzugänglich gewordenen Lustquelle. Das im Wege stehende Hindernis ist eigentlich nichts
anderes als die der höheren Bildungs- und Gesellschaftsstufe entsprechend gesteigerte
Unfähigkeit des Weibes, das unverhüllte Sexuelle zu ertragen. Das in der Ausgangssituation als
anwesend gedachte Weib wird eben weiterhin als anwesend beibehalten, oder ihr Einfluß wirkt
auch in ihrer Abwesenheit auf die Männer einschüchternd fort. Man kann beobachten, wie
Männer höherer Stände durch die Gesellschaft niedrigstehender Mädchen sofort veranlaßt
werden, die witzige Zote in die einfache zurücksinken zu lassen.
Die Macht, welche dem Weibe und in geringerem Maße auch dem Manne den Genuß der
unverhüllten Obszönität erschwert oder unmöglich macht, heißen wir die »Verdrängung« und
erkennen in ihr denselben psychischen Vorgang, der in ernsten Krankheitsfällen ganze Komplexe
von Regungen mitsamt deren Abkömmlingen vom Bewußtsein fernehält und sich als ein
Hauptfaktor der Verursachung bei den sogenannten Psychoneurosen herausgestellt hat. Wir
gestehen der Kultur und höheren Erziehung einen großen Einfluß auf die Ausbildung der
Verdrängung zu und nehmen an, daß unter diesen Bedingungen eine Veränderung der
psychischen Organisation zustande kommt, die auch als ererbte Anlage mitgebracht werden kann,
derzufolge sonst angenehm Empfundenes nun als unannehmbar erscheint und mit allen
psychischen Kräften abgelehnt wird. Durch die Verdrängungsarbeit der Kultur gehen primäre,
jetzt aber von der Zensur in uns verworfene Genußmöglichkeiten verloren. Der Psyche des
Menschen wird aber alles Verzichten so sehr schwer, und so finden wir, daß der tendenziöse Witz
ein Mittel abgibt, den Verzicht rückgängig zu machen, das Verlorene wiederzugewinnen. Wenn
wir über einen feinen obszönen Witz lachen, so lachen wir über das nämliche, was den Bauer bei
einer groben Zote lachen macht; die Lust stammt in beiden Fällen aus der nämlichen Quelle; über
die grobe Zote zu lachen, brächten wir aber nicht zustande, wir würden uns schämen, oder sie
erschiene uns ekelhaft; wir können erst lachen, wenn uns der Witz seine Hilfe geliehen hat.
Es scheint sich uns also zu bestätigen, was wir eingangs vermutet haben, daß der tendenziöse
Witz über andere Quellen der Lust verfügt als der harmlose, bei dem alle Lust irgendwie an die
Technik geknüpft ist. Wir können auch von neuem hervorheben, daß wir beim tendenziösen Witz
außerstande sind, durch unsere Empfindung zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust aus den
Quellen der Technik, welcher aus denen der Tendenz herrührt. Wir wissen also strenggenommen
nicht, worüber wir lachen. Bei allen obszönen Witzen unterliegen wir grellen Urteilstäuschungen
über die »Güte« des Witzes, soweit dieselbe von formalen Bedingungen abhängt; die Technik
dieser Witze ist oft recht ärmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer.
[3]
Wir wollen nun untersuchen, ob die Rolle des Witzes im Dienst der feindseligen Tendenz die
nämliche ist.
Von vornherein stoßen wir hier auf dieselben Bedingungen. Die feindseligen Impulse gegen
unsere Nebenmenschen unterliegen seit unserer individuellen Kindheit wie seit den Kinderzeiten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin