Seite - 988 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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menschlicher Kultur den nämlichen Einschränkungen, der nämlichen fortschreitenden
Verdrängung wie unsere sexuellen Strebungen. Wir haben es noch nicht so weit gebracht, daß
wir unsere Feinde zu lieben vermöchten oder ihnen nach dem Backenstreich auf die rechte Backe
die linke hinhielten; auch tragen alle Moralvorschriften der Beschränkung im tätigen Haß noch
heute die deutlichsten Anzeichen an sich, daß sie ursprünglich für eine kleine Gemeinschaft von
Stammesgenossen gelten sollten. So wie wir uns alle als Angehörige eines Volkes fühlen dürfen,
gestatten wir uns, von den meisten dieser Beschränkungen gegen ein fremdes Volk abzusehen.
Aber innerhalb unseres eigenen Kreises haben wir doch Fortschritte in der Beherrschung
feindseliger Regungen gemacht; wie es Lichtenberg drastisch ausdrückt: Wo man jetzt sagt:
Entschuldigen Sie, da schlug man einem früher ums Ohr. Die gewalttätige Feindseligkeit, vom
Gesetz verboten, ist durch die Invektive in Worten abgelöst worden, und die bessere Kenntnis der
Verkettung menschlicher Regungen raubt uns durch ihr konsequentes »Tont comprendre c’est
tout pardonner« immer mehr von der Fähigkeit, uns gegen den Nebenmenschen, der uns in den
Weg getreten ist, zu erzürnen. Mit kräftigen Anlagen zur Feindschaft noch als Kinder begabt,
lehrt uns später die höhere persönliche Kultur, daß es unwürdig ist, Schimpfwörter zu
gebrauchen, und selbst, wo der Kampf an sich erlaubt geblieben ist, hat die Anzahl der Dinge, die
als Mittel im Kampfe nicht verwendet werden dürfen, außerordentlich zugenommen. Seitdem wir
auf den Ausdruck der Feindseligkeit durch die Tat verzichten mußten – durch den
leidenschaftslosen Dritten daran gehindert, in dessen Interesse die Bewahrung der persönlichen
Sicherheit liegt –, haben wir ganz ähnlich wie bei der sexuellen Aggression eine neue Technik
der Schmähung ausgebildet, die auf die Anwerbung dieses Dritten gegen unseren Feind abzielt.
Indem wir den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen wir uns auf einem
Umwege den Genuß seiner Überwindung, den uns der Dritte, der keine Mühe aufgewendet hat,
durch sein Lachen bezeugt.
Wir sind nun auf die Rolle des Witzes bei der feindseligen Aggression vorbereitet. Der Witz wird
uns gestatten, Lächerliches am Feind zu verwerten, das wir entgegenstehender Hindernisse
wegen nicht laut oder nicht bewußt vorbringen durften, wird also wiederum Einschränkungen
umgehen und unzugänglich gewordene Lustquellen eröffnen. Er wird ferner den Hörer durch
seinen Lustgewinn bestechen, ohne strengste Prüfung unsere Partei zu nehmen, wie wir selbst
andere Male, vom harmlosen Witz bestochen, den Gehalt des witzig ausgedrückten Satzes zu
überschätzen pflegten. »Die Lacher auf seine Seite ziehen«, sagt mit vollkommen zutreffendem
Ausdruck unsere Sprache.
Man fasse z.
B. die über den vorigen Abschnitt zerstreuten Witze des Herrn N. ins Auge. Es sind
sämtlich Schmähungen. Es ist, als wollte Herr N. laut schreien: Aber der Ackerbauminister ist ja
selber ein Ochs! Laßt mich in Ruhe mit dem ***; der platzt ja vor Eitelkeit! Etwas
Langweiligeres als die Aufsätze dieses Historikers über Napoleon in Österreich habe ich
überhaupt noch nicht gelesen! Aber der Hochstand seiner Persönlichkeit macht es ihm
unmöglich, diese seine Urteile in dieser Form von sich zu geben. Sie nehmen darum den Witz zur
Hilfe, welcher ihnen eine Aufnahme beim Hörer sichert, die sie trotz ihres etwaigen
Wahrheitsgehalts in unwitziger Form niemals gefunden hätten. Einer dieser Witze ist besonders
lehrreich, der vom »roten Fadian«, vielleicht der überwältigendste von allen. Was nötigt uns
daran zum Lachen und lenkt unser Interesse von der Frage, ob dem armen Schriftsteller Unrecht
geschehen ist oder nicht, so vollständig ab? Gewiß die witzige Form, der Witz also; aber über
was lachen wir dabei? Ohne Zweifel über die Person selbst, die uns als »roter Fadian« vorgeführt
wird, und insbesondere über ihre Rothaarigkeit. Körperliche Gebrechen zu verlachen hat sich der
Gebildete abgewöhnt, auch zählt für ihn die Rothaarigkeit nicht zu den lachenswürdigen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin