Seite - 1001 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Interesse wachgerufen hatten und noch in Spannung erhielten. Nach dem Erlöschen dieses
Interesses, nach der Erledigung der betreffenden Affaire hatten auch diese Witze einen Teil ihrer
Lustwirkung, und zwar einen recht beträchtlichen Teil, eingebüßt. So z. B. erscheint mir der
Witz, den mein freundlicher Gastgeber machte, als er die herumgereichte Mehlspeise einen
»Home-Roulard« nannte, heute lange nicht so gut wie damals, als Home Rule eine ständige
Rubrik in den politischen Nachrichten unserer Zeitungen war. Versuche ich jetzt das Verdienst
dieses Witzes durch die Beschreibung zu würdigen, daß uns das eine Wort mit Ersparung eines
großen Denkumweges aus dem Vorstellungskreis der Küche in den so fernliegenden der Politik
führe, so hätte ich diese Beschreibung damals abändern müssen, »daß uns dieses Wort aus dem
Vorstellungskreis der Küche in den ihm selbst so fernliegenden Kreis der Politik führe, der aber
unseres lebhaften Interesses sicher sei, weil er uns eigentlich unausgesetzt beschäftige«. Ein
anderer Witz: »Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus; die Armee glaubt nicht an ihre
Unschuld« ist heute, trotzdem alle seine technischen Mittel unverändert geblieben sein müssen,
gleichfalls verblaßt. Die Verblüffung durch den Vergleich und die Zweideutigkeit des Wortes
»Unschuld« können es nicht wettmachen, daß die Anspielung, die damals an eine mit frischer
Erregung besetzte Angelegenheit rührte, heute an ein erledigtes Interesse erinnert. Ein noch
aktueller Witz wie z. B. folgender: Kronprinzessin Louise hatte sich an das Krematorium in
Gotha mit der Anfrage gewendet, was eine Verbrennung koste. Die Verwaltung gab ihr die
Antwort: »Sonst 5000 Mark, ihr werde man aber nur 3000 Mark berechnen, da sie schon einmal
durchgebrannt sei«; ein solcher Witz erscheint heute unwiderstehlich; in einiger Zeit wird er in
unserer Schätzung sehr erheblich gesunken sein, und noch eine Weile später, wenn man ihn nicht
erzählen kann, ohne in einem Kommentar hinzuzusetzen, wer die Prinzessin Louise war und wie
ihr »Durchgebranntsein« gemeint ist, wird er trotz des guten Wortspiels wirkungslos bleiben.
Eine große Zahl der im Umlauf befindlichen Witze gelangt so zu einer gewissen Lebensdauer,
eigentlich zu einem Lebenslauf, der sich aus einer Blütezeit und einer Verfallszeit zusammensetzt
und in völliger Vergessenheit endigt. Das Bedürfnis der Menschen, Lust aus ihren
Denkvorgängen zu gewinnen, schafft dann immer neue Witze unter Anlehnung an die neuen
Interessen des Tages. Die Lebenskraft der aktuellen Witze ist keine ihnen eigene, sie wird auf
dem Wege der Anspielung jenen anderen Interessen entlehnt, deren Ablauf auch das Schicksal
des Witzes bestimmt. Das Moment der Aktualität, welches als eine vergängliche Lustquelle zwar,
aber als besonders ergiebige zu den eigenen des Witzes hinzutritt, kann nicht einfach dem
Wiederfinden des Bekannten gleichgesetzt werden. Es handelt sich vielmehr um eine besondere
Qualifikation des Bekannten, dem die Eigenschaft des Frischen, Rezenten, nicht vom Vergessen
Berührten zukommen muß. Auch bei der Traumbildung begegnet man einer besonderen
Bevorzugung des Rezenten und kann sich der Vermutung nicht erwehren, daß die Assoziation
mit dem Rezenten durch eine eigenartige Lustprämie belohnt, also erleichtert wird.
Die Unifizierung, die ja nur die Wiederholung auf dem Gebiete des Gedankenzusammenhanges
anstatt des Materials ist, hat bei G. Th. Fechner eine besondere Anerkennung als Lustquelle des
Witzes gefunden. Fechner äußert (Vorschule der Ästhetik, Bd. 1, XVII): »Meines Erachtens spielt
in dem Felde, was wir hier vor Augen haben, das Prinzip der einheitlichen Verknüpfung des
Mannigfaltigen die Hauptrolle, bedarf aber noch unterstützender Nebenbedingungen, um das
Vergnügen, was die hieher gehörigen Fälle gewähren können, mit seinem eigentümlichen
Charakter über die Schwelle zu treiben.«[39]
In allen diesen Fällen von Wiederholung des nämlichen Zusammenhanges oder des nämlichen
Materials von Worten, von Wiederfinden des Bekannten und Rezenten, die dabei verspürte Lust
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin