Seite - 1006 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1006 -
Text der Seite - 1006 -
schützen.
Somit wäre das Problem des wesentlichen Charakters des Witzes bereits am Scherz erklärt. Wir
dürfen uns der weiteren Entwicklung des Scherzes bis zu ihrer Höhe im tendenziösen Witz
zuwenden. Der Scherz stellt noch die Tendenz voran, uns Vergnügen zu bereiten, und begnügt
sich damit, daß seine Aussage nicht unsinnig oder völlig gehaltlos erscheine. Wenn diese
Aussage selbst eine gehalt- und wertvolle ist, wandelt sich der Scherz zum Witz. Ein Gedanke,
der unseres Interesses würdig gewesen wäre, auch in schlichtester Form ausgedrückt, ist nun in
eine Form gekleidet, die an und für sich unser Wohlgefallen erregen muß[41]. Gewiß ist eine
solche Vergesellschaftung nicht ohne Absicht zustande gekommen, müssen wir denken und
werden uns bemühen, die der Bildung des Witzes zugrundeliegende Absicht zu erraten. Eine
bereits früher, wie beiläufig gemachte Beobachtung wird uns auf die Spur führen. Wir haben
oben bemerkt, daß ein guter Witz uns sozusagen einen Gesamteindruck von Wohlgefallen macht,
ohne daß wir imstande wären, unmittelbar zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust von der
witzigen Form, welcher von dem trefflichen Gedankeninhalt herrührt (S. 89). Wir täuschen uns
beständig über diese Aufteilung, überschätzen das eine Mal die Güte des Witzes infolge unserer
Bewunderung für den in ihm enthaltenen Gedanken, bald umgekehrt den Wert des Gedankens
wegen des Vergnügens, das uns die witzige Einkleidung bereitet. Wir wissen nicht, was uns
Vergnügen macht und worüber wir lachen. Diese als tatsächlich anzunehmende Unsicherheit
unseres Urteils mag das Motiv für die Bildung des Witzes im eigentlichen Sinne abgegeben
haben. Der Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer Aufmerksamkeit
empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erscheinen kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere
Kritik besticht und verwirrt. Wir haben die Neigung, dem Gedanken zugute zu schreiben, was
uns an der witzigen Form gefallen hat, sind auch nicht mehr geneigt, etwas unrichtig zu finden,
was uns Vergnügen bereitet hat, um uns so die Quelle einer Lust zu verschütten. Hat der Witz uns
zum Lachen gebracht, so ist übrigens die für die Kritik ungünstigste Disposition in uns
hergestellt, denn dann ist uns von einem Punkte aus jene Stimmung aufgezwungen worden, der
bereits das Spiel genügt hat und die zu ersetzen der Witz mit allen Mitteln bemüht war.
Wenngleich wir vorhin festgesetzt haben, daß solcher Witz als harmloser, noch nicht
tendenziöser, zu bezeichnen sei, werden wir doch nicht verkennen dürfen, daß strenggenommen
nur der Scherz tendenzlos ist, d. h. allein der Absicht, Lust zu erzeugen, dient. Der Witz – mag
der in ihm enthaltene Gedanke auch tendenzlos sein, also bloß theoretischem Denkinteresse
dienen – ist eigentlich nie tendenzlos; er verfolgt die zweite Absicht, den Gedanken durch
Vergrößerung zu fördern und ihn gegen die Kritik zu sichern. Er äußert hier wiederum seine
ursprüngliche Natur, indem er sich einer hemmenden und einschränkenden Macht, nun dem
kritischen Urteil, entgegenstellt.
Diese erste, über die Lusterzeugung hinausgehende Verwendung des Witzes weist den weiteren
den Weg. Der Witz ist nun als ein psychischer Machtfaktor erkannt, dessen Gewicht den
Ausschlag geben kann, wenn es in diese oder jene Waagschale fällt. Die großen Tendenzen und
Triebe des Seelenlebens nehmen ihn für ihre Zwecke in Dienst. Der ursprünglich tendenzlose
Witz, der als ein Spiel begann, kommt sekundär in Beziehung zu Tendenzen, denen sich nichts,
was im Seelenleben gebildet wird, auf die Dauer entziehen kann. Wir wissen bereits, was er im
Dienste der entblößenden, feindseligen, zynischen, skeptischen Tendenz zu leisten vermag. Beim
obszönen Witz, welcher aus der Zote hervorgegangen ist, macht er aus dem ursprünglich die
sexuelle Situation störenden Dritten einen Bundesgenossen, vor dem das Weib sich schämen
muß, indem er ihn durch Mitteilung seines Lustgewinns besticht. Bei der aggressiven Tendenz
verwandelt er den anfänglich indifferenten Zuhörer durch das nämliche Mittel in einen Mithasser
1006
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin