Seite - 1007 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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oder Mitverächter und schafft dem Feind ein Heer von Gegnern, wo erst nur ein einziger war. Im
ersten Falle überwindet er die Hemmungen der Scham und der Wohlanständigkeit durch die
Lustprämie, die er bietet; im zweiten aber wirft er wiederum das kritische Urteil um, welches
sonst den Streitfall geprüft hätte. Im dritten und vierten Falle, im Dienste der zynischen und
skeptischen Tendenz erschüttert er den Respekt vor Institutionen und Wahrheiten, an die der
Hörer geglaubt hat, einerseits indem er das Argument verstärkt, anderseits aber, indem er eine
neue Art des Angriffs pflegt. Wo das Argument die Kritik des Hörers auf seine Seite zu ziehen
sucht, ist der Witz bestrebt, diese Kritik zur Seite zu drängen. Es ist kein Zweifel, daß der Witz
den psychologisch wirksameren Weg gewählt hat.
Bei dieser Übersicht über die Leistungen des tendenziösen Witzes hat sich uns in den
Vordergrund gedrängt, was leichter zu sehen ist, die Wirkung des Witzes auf den, der ihn hört.
Für das Verständnis bedeutsamer sind die Leistungen, die der Witz im Seelenleben desjenigen
vollbringt, der ihn macht, oder, wie man einzig richtig sagen sollte, dem er einfällt. Wir haben
schon einmal den Vorsatz gefaßt – und finden hier Anlaß, ihn zu erneuern –, daß wir die
psychischen Vorgänge des Witzes mit Rücksicht auf ihre Verteilung auf zwei Personen studieren
wollen. Vorläufig wollen wir der Vermutung Ausdruck geben, daß der durch den Witz angeregte
psychische Vorgang beim Hörer den beim Schöpfer des Witzes in den meisten Fällen nachbildet.
Dem äußerlichen Hindernis, welches beim Hörer überwunden werden soll, entspricht eine innere
Hemmung beim Witzigen. Zum mindesten ist beim letzteren die Erwartung des äußerlichen
Hindernisses als hemmende Vorstellung vorhanden. In einzelnen Fällen ist das innerliche
Hindernis, das durch den tendenziösen Witz überwunden wird, evident; von den Witzen des
Herrn N. (S. 98 f.) dürfen wir z. B. annehmen, daß sie nicht nur den Hörern den Genuß der
Aggression durch Injurien, sondern vor allem ihm die Produktion derselben ermöglichen. Unter
den Arten der innerlichen Hemmung oder Unterdrückung wird eine unseres besonderen
Interesses würdig sein, weil sie die weitestgehende ist; sie wird mit dem Namen der
»Verdrängung« bezeichnet und an ihrer Leistung erkannt, daß sie die ihr verfallenen Regungen
sowie deren Abkömmlinge vom Bewußtwerden ausschließt. Wir werden hören, daß der
tendenziöse Witz selbst aus solchen der Verdrängung unterliegenden Quellen Lust zu entbinden
vermag. Läßt sich in solcher Art, wie oben angedeutet wurde, die Überwindung äußerer
Hindernisse auf die innerer Hemmungen und Verdrängungen zurückführen, so darf man sagen,
daß der tendenziöse Witz den Hauptcharakter der Witzarbeit, Lust frei zu machen durch
Beseitigung von Hemmungen, am deutlichsten von allen Entwicklungsstufen des Witzes erweist.
Er verstärkt die Tendenzen, in deren Dienst er sich stellt, indem er ihnen Hilfen aus unterdrückt
gehaltenen Regungen zuführt, oder er stellt sich überhaupt in den Dienst unterdrückter
Tendenzen.
Man kann gern zugeben, daß dies die Leistungen des tendenziösen Witzes sind, und wird sich
doch besinnen müssen, daß man nicht versteht, auf welche Weise ihm diese Leistungen gelingen
können. Seine Macht besteht in dem Lustgewinn, den er aus den Quellen des Spielens mit
Worten und des befreiten Unsinnes zieht, und wenn man nach den Eindrücken urteilen soll, die
man von den tendenzlosen Scherzen empfangen hat, kann man den Betrag dieser Lust unmöglich
für so groß halten, daß man ihr die Kraft zur Aufhebung eingewurzelter Hemmungen und
Verdrängungen zutrauen könnte. Es liegt hier in der Tat keine einfache Kraftwirkung, sondern
ein verwickelteres Auslösungsverhältnis vor. Anstatt den weiten Umweg darzulegen, auf dem ich
zur Einsicht in dieses Verhältnis gelangt bin, werde ich es auf kurzem, synthetischem Wege
darzustellen versuchen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin