Seite - 1009 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1009 -
Text der Seite - 1009 -
welcher eine andere Lustmöglichkeit verhindert ist, so daß diese für sich allein keine Lust
ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lustentwicklung, die weit größer ist als die der
hinzugetretenen Möglichkeit. Letztere hat gleichsam als Verlockungsprämie gewirkt; mit Hilfe
eines dargebotenen kleinen Betrages von Lust ist ein sehr großer, sonst schwer zu erreichender
gewonnen worden. Ich habe guten Grund zu vermuten, daß dieses Prinzip einer Einrichtung
entspricht, die sich auf vielen, fern voneinander gelegenen Gebieten des Seelenlebens bewährt,
und halte es für zweckmäßig, die zur Auslösung der großen Lustentbindung dienende Lust als
Vorlust und das Prinzip als Vorlustprinzip zu bezeichnen.
Wir können nun die Formel für die Wirkungsweise des tendenziösen Witzes aussprechen: Er
stellt sich in den Dienst von Tendenzen, um vermittels der Witzeslust als Vorlust durch die
Aufhebung von Unterdrückungen und Verdrängungen neue Lust zu erzeugen. Wenn wir nun
seine Entwicklung überschauen, dürfen wir sagen, daß der Witz seinem Wesen von Anfang an
bis zu seiner Vollendung treu geblieben ist. Er beginnt als ein Spiel, um Lust aus der freien
Verwendung von Worten und Gedanken zu ziehen. Sowie das Erstarken der Vernunft ihm dieses
Spiel mit Worten als sinnlos und mit Gedanken als unsinnig verwehrt, wandelt er sich zum
Scherz, um diese Lustquellen festhalten und aus der Befreiung des Unsinns neue Lust gewinnen
zu können. Als eigentlicher, noch tendenzloser, Witz leiht er dann Gedanken seine Hilfe und
stärkt sie gegen die Anfechtung des kritischen Urteils, wobei ihm das Prinzip der Verwechslung
der Lustquellen dienlich ist, und endlich tritt er großen, mit der Unterdrückung kämpfenden
Tendenzen bei, um nach dem Prinzip der Vorlust innere Hemmungen aufzuheben. Die Vernunft
– das kritische Urteil – die Unterdrückung, dies sind die Mächte, die er der Reihe nach bekämpft;
die ursprünglichen Wortlustquellen hält er fest und eröffnet sich von der Stufe des Scherzes an
neue Lustquellen durch die Aufhebung von Hemmungen. Die Lust, die er erzeugt, sei es nun
Spiellust oder Aufhebungslust, können wir alle Male von Ersparung an psychischem Aufwand
ableiten, falls solche Auffassung nicht dem Wesen der Lust widerspricht und sich noch
anderweitig fruchtbar erweist[43]
[◀]
1009
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin