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V
Die Motive des Witzes
Der Witz als sozialer Vorgang
Von Motiven des Witzes zu reden schiene überflüssig, da die Absicht, Lust zu gewinnen, als
genügendes Motiv der Witzarbeit anerkannt werden muß. Es ist aber einerseits nicht
ausgeschlossen, daß nicht noch andere Motive sich an der Produktion des Witzes beteiligen, und
anderseits muß mit Hinblick auf gewisse bekannte Erfahrungen das Thema der subjektiven
Bedingtheit des Witzes überhaupt aufgestellt werden. Zwei Tatsachen fordern vor allem dazu auf.
Obwohl die Witzarbeit ein vortrefflicher Weg ist, um aus den psychischen Vorgängen Lust zu
gewinnen, so sieht man doch, daß nicht alle Menschen in gleicher Weise fähig sind, sich dieses
Mittels zu bedienen. Die Witzarbeit steht nicht allen zu Gebote, und in ausgiebigem Maße
überhaupt nur wenigen Personen, von denen man in auszeichnender Weise aussagt, sie haben
Witz. »Witz« erscheint hier als eine besondere Fähigkeit etwa im Range der alten
»Seelenvermögen«, und diese erweist sich in ihrem Auftreten als ziemlich unabhängig von den
anderen: Intelligenz, Phantasie, Gedächtnis usw. Bei den witzigen Köpfen sind also besondere
Anlagen oder psychische Bedingungen vorauszusetzen, welche die Witzarbeit gestatten oder
begünstigen.
Ich fürchte, daß wir es in der Ergründung dieses Themas nicht besonders weit bringen werden. Es
gelingt uns nur hie und da, von dem Verständnis eines einzelnen Witzes aus zur Kenntnis der
subjektiven Bedingungen in der Seele dessen, der den Witz gemacht hat, vorzudringen. Ganz
zufällig trifft es sich, daß gerade das Beispiel von Witz, an welchem wir unsere Untersuchungen
über die Witztechnik begonnen haben, uns auch einen Einblick in die subjektive Bedingtheit des
Witzes gestattet. Ich meine den Witz von Heine, der auch bei Heymans und Lipps
Aufmerksamkeit gefunden hat:
». . . Ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz
famillionär.« (›Bäder von Lucca‹.)
Dieses Wort hat Heine einer komischen Person in den Mund gelegt, dem Hirsch-Hyacinth,
Kollekteur, Operateur und Taxator aus Hamburg, Kammerdiener bei dem vornehmen Baron
Cristoforo Gumpelino (vormals Gumpel). Der Dichter empfindet offenbar großes Wohlgefallen
an diesem seinem Geschöpf, denn er läßt Hirsch-Hyacinth das große Wort führen und ihn die
amüsantesten und freimütigsten Äußerungen vorbringen; er leiht ihm geradezu die praktische
Weisheit eines Sancho Pansa. Man muß bedauern, daß Heine, der dramatischer Gestaltung, wie
es scheint, nicht zuneigte, die köstliche Figur so bald wieder fallenließ. An nicht wenigen Stellen
will es uns scheinen, als spräche aus Hirsch-Hyacinth der Dichter selbst hinter einer dünnen
Maske, und bald erlangen wir die Gewißheit, daß diese Person nur eine Selbstparodie des
Dichters ist. Hirsch berichtet über die Gründe, weshalb er seinen früheren Namen abgelegt und
sich jetzt Hyacinth heiße. »Dazu habe ich noch den Vorteil«, setzt er fort, »daß schon ein H. auf
meinem Petschaft steht und ich mir kein neues stechen zu lassen brauche.« Dieselbe Ersparnis
hatte aber Heine selbst, als er bei seiner Taufe seinen Vornamen »Harry« gegen »Heinrich«
eintauschte. Nun muß jeder, dem des Dichters Lebensgeschichte bekannt ist, sich erinnern, daß
Heine in Hamburg, wohin auch die Person des Hirsch-Hyacinth weist, einen Onkel des gleichen
Namens besaß, der als der reiche Mann in der Familie die größte Rolle in seinem Leben spielte.
Der Onkel hieß auch – Salomon, ganz wie der alte Rothschild, der den armen Hirsch so
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin