Seite - 1011 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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famillionär aufgenommen. Was im Munde des Hirsch-Hyacinth ein bloßer Scherz schien, zeigt
bald einen Hintergrund ernsthafter Bitterkeit, wenn wir es dem Neffen Harry-Heinrich
zuschieben. Er gehörte doch zur Familie, ja wir wissen, es war sein heißer Wunsch, eine Tochter
dieses Onkels zu heiraten, aber die Cousine wies ihn ab, und der Onkel behandelte ihn immer
etwas »famillionär«, als armen Verwandten. Die reichen Vettern in Hamburg nahmen ihn nie als
voll; ich erinnere mich der Erzählung einer eigenen alten Tante, die durch Heirat in die Familie
Heine gekommen war, daß sie eines Tages als schöne junge Frau einen Sitznachbar an der
Familientafel fand, der ihr unappetitlich schien und gegen den die anderen sich geringschätzig
benahmen. Sie fühlte sich nicht veranlaßt, herablassender gegen ihn zu sein; erst viele Jahre
später erkannte sie, daß der nachlässige und vernachlässigte Vetter der Dichter Heinrich Heine
gewesen war. Wie sehr Heine unter dieser Ablehnung seiner reichen Verwandten in seiner
Jugendzeit und später gelitten, dürfte aus manchen Zeugnissen bekannt sein. Auf dem Boden
solcher subjektiven Ergriffenheit ist dann der Witz »famillionär« erwachsen.
Auch bei manchen anderen Witzen des großen Spötters könnte man ähnliche subjektive
Bedingungen vermuten, aber ich weiß kein Beispiel mehr, an dem man solche in ähnlich
überzeugender Weise klarlegen könnte; und es ist darum mißlich, über die Natur dieser
persönlichen Bedingungen etwas Genaueres aussagen zu wollen; auch wird man ja von
vornherein nicht geneigt sein, für jeden Witz ähnlich komplizierte Entstehungsbedingungen in
Anspruch zu nehmen. An den witzigen Produktionen anderer berühmter Männer wird uns die
gesuchte Einsicht eben nicht leichter zugänglich; man bekommt etwa den Eindruck, daß die
subjektiven Bedingungen der Witzarbeit denen der neurotischen Erkrankung oft nicht fernliegen,
wenn man z.
B. über Lichtenberg erfährt, daß er ein schwer hypochondrischer, mit allerlei
Sonderbarkeiten behafteter Mensch war. Die größte Mehrzahl der Witze, besonders der immer
neu bei den Anlässen des Tages produzierten, ist anonym in Umlauf; man könnte neugierig
fragen, was für Leute es sind, auf die solche Produktion sich zurückführt. Hat man als Arzt die
Gelegenheit, eine der Personen kennenzulernen, die, obwohl sonst nicht hervorragend, doch in
ihrem Kreise als Witzbolde und Urheber vieler gangbarer Witze bekannt sind, so kann man von
der Entdeckung überrascht werden, daß dieser witzige Kopf eine zwiespältige und zu nervösen
Erkrankungen disponierte Persönlichkeit ist. Die Unzulänglichkeit der Dokumente wird uns aber
sicherlich abhalten, eine solche psychoneurotische Konstitution als regelmäßige oder notwendige
subjektive Bedingung der Witzbildung aufzustellen.
Einen durchsichtigeren Fall ergeben wiederum die Judenwitze, die, wie schon erwähnt, durchweg
von Juden selbst gemacht worden sind, während die Judengeschichten anderer Herkunft sich fast
nie über das Niveau des komischen Schwankes oder der brutalen Verhöhnung erheben (S. 106).
Die Bedingung der Selbstbeteiligung scheint sich hier wie bei Heines Witz »famillionär«
herauszustellen und deren Bedeutung darin zu liegen, daß der Person die Kritik oder Aggression
direkt erschwert und nur auf Umwegen ermöglicht wird.
Andere subjektive Bedingungen oder Begünstigungen der Witzarbeit sind weniger in Dunkel
gehüllt. Die Triebfeder der Produktion harmloser Witze ist nicht selten der ehrgeizige Drang,
seinen Geist zu zeigen, sich darzustellen, ein der Exhibition auf sexuellem Gebiete
gleichzusetzender Trieb. Das Vorhandensein zahlreicher gehemmter Triebe, deren
Unterdrückung einen gewissen Grad von Labilität bewahrt hat, wird für die Produktion des
tendenziösen Witzes die günstigste Disposition ergeben. So können insbesondere einzelne
Komponenten der sexuellen Konstitution eines Menschen als Motive der Witzbildung auftreten.
Eine ganze Reihe von obszönen Witzen läßt den Schluß auf eine versteckte Exhibitionsneigung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin