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VI
Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum Unbewußten
Zu Ende des Abschnittes, der sich mit der Aufdeckung der Witztechnik beschäftigte, haben wir
(S. 85) ausgesprochen, daß die Vorgänge der Verdichtung mit und ohne Ersatzbildung, der
Verschiebung, der Darstellung durch Widersinn, durch das Gegenteil, der indirekten Darstellung
u. a., welche wir an der Herstellung des Witzes beteiligt fanden, eine sehr weitgehende
Übereinstimmung mit den Vorgängen der »Traumarbeit« zeigen, und haben uns vorbehalten,
einerseits diese Ähnlichkeiten sorgfältiger zu studieren, anderseits das Gemeinsame von Witz
und Traum, welches sich solcherart anzudeuten scheint, zu erforschen. Die Ausführung dieser
Vergleichung wäre uns sehr erleichtert, wenn wir das eine der Verglichenen – die »Traumarbeit«
– als bekannt annehmen dürften. Wir tun aber wahrscheinlich besser daran, diese Annahme nicht
zu machen; ich habe den Eindruck empfangen, als ob meine im Jahre 1900 veröffentlichte
Traumdeutung mehr »Verblüffung« als »Erleuchtung« bei den Fachgenossen hervorgerufen
hätte, und weiß, daß weitere Leserkreise sich damit begnügt haben, den Inhalt des Buches auf ein
Schlagwort (»Wunscherfüllung«) zu reduzieren, das sich leicht behalten und bequem
mißbrauchen läßt.
In der fortgesetzten Beschäftigung mit den dort behandelten Problemen, zu der mir meine
ärztliche Tätigkeit als Psychotherapeut reichlich Anlaß gibt, bin ich aber auf nichts gestoßen, was
eine Veränderung oder Verbesserung meiner Gedankengänge von mir gefordert hätte, und kann
darum in Ruhe abwarten, bis das Verständnis der Leser mir nachgekommen ist oder bis eine
einsichtige Kritik mir die Grundirrtümer meiner Auffassung nachgewiesen hat. Zum Zwecke der
Vergleichung mit dem Witze werde ich hier das Notwendigste über den Traum und die
Traumarbeit in gedrängter Kürze wiederholen.
Wir kennen den Traum aus der uns meist fragmentarisch scheinenden Erinnerung, die sich nach
dem Erwachen an ihn einstellt. Er ist dann ein Gefüge von meist visuellen (aber auch
andersartigen) Sinneseindrücken, die uns ein Erleben vorgetäuscht haben und unter welche
Denkvorgänge (das »Wissen« im Traum) und Affektäußerungen gemengt sein mögen. Was wir
so als Traum erinnern, das heiße ich den »manifesten Trauminhalt«. Derselbe ist häufig völlig
absurd und verworren, andere Male nur das eine oder das andere; aber auch wenn er ganz
kohärent ist wie in manchen Angstträumen, steht er unserem Seelenleben als etwas Fremdes
gegenüber, von dessen Herkunft man sich keine Rechenschaft zu geben vermag. Die Aufklärung
für diese Charaktere des Traumes wurde bisher in ihm selbst gesucht, indem man dieselben als
Anzeichen einer unordentlichen, dissoziierten und sozusagen »verschlafenen« Tätigkeit der
nervösen Elemente ansah.
Dagegen habe ich gezeigt, daß der so sonderbare »manifeste« Trauminhalt regelmäßig
verständlich gemacht werden kann als die verstümmelte und abgeänderte Umschrift gewisser
korrekter psychischer Bildungen, die den Namen »latente Traumgedanken« verdienen. Man
verschafft sich die Kenntnis derselben, indem man den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht
auf seinen etwaigen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zerlegt und dann die
Assoziationsfäden verfolgt, die von jedem der nun isolierten Elemente ausgehen. Diese
verflechten sich miteinander und leiten endlich zu einem Gefüge von Gedanken, welche nicht nur
völlig korrekt sind, sondern auch leicht in den uns bekannten Zusammenhang unserer seelischen
Vorgänge eingereiht werden. Auf dem Wege dieser »Analyse« hat der Trauminhalt all seine uns
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin