Seite - 1024 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zwingende Schlüsse genötigt wird, es zu ergänzen, sondern etwas Bewußtseinsfähiges darunter
verstanden, an was man gerade nicht gedacht hatte, was nicht im »Blickpunkt der
Aufmerksamkeit« stand. Sie hatten auch nie versucht, sich von der Existenz solcher unbewußter
Gedanken in ihrem eigenen Seelenleben durch eine Analyse eines eigenen Traumes zu
überzeugen, und wenn ich eine solche mit ihnen versuchte, konnten sie ihre eigenen Einfälle nur
mit Verwunderung und Verwirrtheit aufnehmen. Ich habe auch den Eindruck bekommen, daß der
Annahme des »Unbewußten« wesentlich Affektwiderstände im Wege stehen, darin begründet,
daß niemand sein Unbewußtes kennenlernen will, wo es dann am bequemsten ist, dessen
Möglichkeit überhaupt zu leugnen.
Die Traumarbeit also, zu der ich nach dieser Abschweifung zurückkehre, setzt das in den Optativ
gebrachte Gedankenmaterial einer ganz eigentümlichen Bearbeitung aus. Zunächst macht sie den
Schritt vom Optativ zum Präsens, ersetzt das: »O möchte doch« – durch ein: Es ist. Dies »Es ist«
ist zur halluzinatorischen Darstellung bestimmt, was ich als die »Regression« der Traumarbeit
bezeichnet habe; der Weg von den Gedanken zu den Wahrnehmungsbildern, oder wenn man mit
Bezug auf die noch unbekannte – nicht anatomisch zu verstehende – Topik des seelischen
Apparats sprechen will, von der Gegend der Denkbildungen zu der der sinnlichen
Wahrnehmungen. Auf diesem Wege, welcher der Entwicklungsrichtung der seelischen
Komplikationen entgegengesetzt ist, gewinnen die Traumgedanken Anschaulichkeit; es stellt sich
schließlich eine plastische Situation heraus als Kern des manifesten »Traumbildes«. Um solche
sinnliche Darstellbarkeit zu erreichen, haben die Traumgedanken eingreifende Umgestaltungen
ihres Ausdrucks erfahren müssen. Aber während der Rückverwandlung der Gedanken in
Sinnesbilder treten noch weitere Veränderungen an ihnen auf, die zum Teil als notwendige
begreiflich, zum anderen Teil überraschend sind. Als notwendigen Nebenerfolg der Regression
begreift man, daß fast alle Relationen innerhalb der Gedanken, welche dieselben gegliedert
haben, für den manifesten Traum verlorengehen. Die Traumarbeit übernimmt sozusagen nur das
Rohmaterial der Vorstellungen zur Darstellung, nicht auch die Denkbeziehungen, die sie
gegeneinander einhielten, oder sie wahrt sich wenigstens die Freiheit, von diesen letzteren
abzusehen. Hingegen können wir ein anderes Stück der Traumarbeit nicht von der Regression,
der Rückverwandlung in Sinnesbilder, ableiten, gerade jenes, welches uns für die Analogie mit
der Witzbildung bedeutsam ist. Das Material der Traumgedanken erfährt während der
Traumarbeit eine ganz außerordentliche Zusammendrängung oder Verdichtung. Ausgangspunkte
derselben sind die Gemeinsamkeiten, die sich zufällig oder dem Inhalt gemäß innerhalb der
Traumgedanken vorfinden; da dieselben für eine ausgiebige Verdichtung in der Regel nicht
hinreichen, werden in der Traumarbeit neue, künstliche und flüchtige, Gemeinsamkeiten
geschaffen, und zu diesem Zwecke werden mit Vorliebe selbst Worte benützt, in deren Laut
verschiedene Bedeutungen zusammentreffen. Die neugeschaffenen Verdichtungsgemeinsamen
gehen wie Repräsentanten der Traumgedanken in den manifesten Trauminhalt ein, so daß ein
Element des Traumes einem Knoten- und Kreuzungspunkt für die Traumgedanken entspricht und
mit Rücksicht auf die letzteren ganz allgemein »überdeterminiert« genannt werden muß. Die
Tatsache der Verdichtung ist dasjenige Stück der Traumarbeit, welches sich am leichtesten
erkennen läßt; es genügt, den aufgeschriebenen Wortlaut eines Traumes mit der Niederschrift der
durch Analyse gewonnenen Traumgedanken zu vergleichen, um sich von der Ausgiebigkeit der
Traumverdichtung einen guten Eindruck zu holen.
Minder bequem ist es, sich von der zweiten großen Veränderung, welche durch die Traumarbeit
an den Traumgedanken bewirkt wird, zu überzeugen, von jenem Vorgang, den ich die
Traumverschiebung genannt habe. Dieselbe äußert sich darin, daß im manifesten Traum zentral
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin