Seite - 1025 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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steht und mit großer sinnlicher Intensität auftritt, was in den Traumgedanken peripherisch lag und
nebensächlich war; und ebenso umgekehrt. Der Traum erscheint dadurch gegen die
Traumgedanken verschoben, und gerade durch diese Verschiebung wird erreicht, daß er dem
wachen Seelenleben fremd und unverständlich entgegentritt. Damit solche Verschiebung
zustande kam, mußte es möglich sein, daß die Besetzungsenergie von den wichtigen
Vorstellungen ungehemmt auf die unwichtigen übergehe, was im normalen bewußtseinsfähigen
Denken nur den Eindruck eines »Denkfehlers« hervorrufen kann.
Umwandlung zur Darstellungsfähigkeit, Verdichtung und Verschiebung sind die drei großen
Leistungen, die wir der Traumarbeit zuschreiben dürfen. Eine vierte, in der Traumdeutung
vielleicht zu kurz gewürdigte, kommt für unsere Zwecke hier nicht in Betracht. Bei einer
konsequenten Ausführung der Ideen von der »Topik des seelischen Apparats« und der
»Regression« – und nur eine solche würde diese Arbeitshypothesen wertvoll machen – müßte
man zu bestimmen versuchen, an welchen Stationen der Regression die verschiedenen
Umwandlungen der Traumgedanken vor sich gehen. Dieser Versuch ist noch nicht ernsthaft
unternommen worden; es läßt sich aber wenigstens von der Verschiebung mit Sicherheit
angeben, daß sie an dem Gedankenmaterial erfolgen muß, während es sich auf der Stufe der
unbewußten Vorgänge befindet. Die Verdichtung wird man sich wahrscheinlich als einen über
den ganzen Verlauf sich erstreckenden Vorgang bis zum Anlangen in der Wahrnehmungsregion
vorzustellen haben, im allgemeinen aber sich mit der Annahme einer gleichzeitig erfolgenden
Wirkung aller bei der Traumbildung beteiligten Kräfte begnügen. Bei der Zurückhaltung, die
man verständigerweise in der Behandlung solcher Probleme bewahren muß, und mit Rücksicht
auf die hier nicht zu erörternden prinzipiellen Bedenken solcher Fragestellung, möchte ich mich
etwa der Aufstellung getrauen, daß der den Traum vorbereitende Vorgang der Traumarbeit in die
Region des Unbewußten zu verlegen ist. Im ganzen wären also bei der Traumbildung, grob
genommen, drei Stadien zu unterscheiden: erstens die Versetzung der vorbewußten Tagesreste
ins Unbewußte, woran die Bedingungen des Schlafzustandes mitbeteiligt sein müßten, sodann die
eigentliche Traumarbeit im Unbewußten, und drittens die Regression des so bearbeiteten
Traummaterials auf die Wahrnehmung, als welche der Traum bewußt wird.
Als Kräfte, welche bei der Traumbildung beteiligt sind, lassen sich erkennen: Der Wunsch zu
schlafen, die den Tagesresten nach der Erniedrigung durch den Schlafzustand noch verbliebene
Energiebesetzung, die psychische Energie des traumbildenden unbewußten Wunsches und die
widerstrebende Kraft der im Wachleben herrschenden, während des Schlafes nicht völlig
aufgehobenen »Zensur«. Aufgabe der Traumbildung ist es vor allem, die Hemmung der Zensur
zu überwinden, und gerade diese Aufgabe wird durch die Verschiebungen der psychischen
Energie innerhalb des Materials der Traumgedanken gelöst.
Nun erinnern wir uns, welchen Anlaß wir hatten, bei der Untersuchung des Witzes an den
Traum zu denken. Wir fanden, daß Charakter und Wirkung des Witzes an gewisse
Ausdrucksformen, technische Mittel, gebunden sind, unter denen die verschiedenen Arten der
Verdichtung, Verschiebung und indirekten Darstellung am auffälligsten sind. Vorgänge, die zu
den nämlichen Ergebnissen, Verdichtung, Verschiebung und indirekter Darstellung, führen, sind
uns aber als Eigentümlichkeiten der Traumarbeit bekannt geworden. Wird uns durch diese
Übereinstimmung nicht der Schluß nahegelegt, daß Witzarbeit und Traumarbeit in wenigstens
einem wesentlichen Punkte identisch sein müssen? Die Traumarbeit liegt, wie ich meine, in ihren
wichtigsten Charakteren entschleiert vor uns; von den psychischen Vorgängen beim Witze ist uns
gerade jenes Stück verhüllt, welches wir der Traumarbeit vergleichen dürfen, der Vorgang der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin