Seite - 1026 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Witzbildung bei der ersten Person. Sollen wir nicht der Versuchung nachgeben, diesen Vorgang
nach der Analogie der Traumbildung zu konstruieren? Einige der Züge des Traumes sind dem
Witze so fremd, daß wir auch das ihnen entsprechende Stück der Traumarbeit nicht auf die
Witzbildung übertragen dürfen. Die Regression des Gedankenganges zur Wahrnehmung fällt für
den Witz sicherlich weg; die beiden anderen Stadien der Traumbildung aber, das Herabsinken
eines vorbewußten Gedankens zum Unbewußten und die unbewußte Bearbeitung würden uns,
wenn wir sie für die Witzbildung supponieren, gerade das Ergebnis liefern, das wir am Witze
beobachten können. Entschließen wir uns also zur Annahme, daß dies der Hergang der
Witzbildung bei der ersten Person ist. Ein vorbewußter Gedanke wird für einen Moment der
unbewußten Bearbeitung überlassen und deren Ergebnis alsbald von der bewußten
Wahrnehmung erfaßt.
Ehe wir aber diese Aufstellung im einzelnen prüfen, wollen wir eines Einwandes gedenken,
welcher unserer Voraussetzung bedrohlich werden kann. Wir gehen von der Tatsache aus, daß
die Techniken des Witzes auf dieselben Vorgänge hindeuten, welche uns als Eigentümlichkeiten
der Traumarbeit bekannt sind. Nun ist es leicht dawider zu sagen, daß wir die Techniken des
Witzes nicht als Verdichtung, Verschiebung usw. beschrieben hätten und nicht zu so
weitgehenden Übereinstimmungen in den Darstellungsmitteln von Witz und Traum gelangt
wären, wenn nicht die vorherige Kenntnis der Traumarbeit unsere Auffassung für die
Witztechnik bestochen hätte, so daß wir im Grunde am Witz nur die Erwartungen bestätigt
finden, mit denen wir vom Traum her an ihn herangetreten sind. Eine solche Genese der
Übereinstimmung wäre keine sichere Gewähr für ihren Bestand außerhalb unseres Vorurteils.
Die Gesichtspunkte der Verdichtung, Verschiebung, indirekten Darstellung sind auch wirklich
von keinem anderen Autor für die Ausdrucksformen des Witzes geltend gemacht worden. Das
wäre ein möglicher Einwand, aber darum noch kein berechtigter. Es kann ebensowohl sein, daß
die Schärfung unserer Auffassung durch die Kenntnis der Traumarbeit unentbehrlich wäre, um
die reale Übereinstimmung zu erkennen. Die Entscheidung wird doch nur davon abhängen, ob
die prüfende Kritik solche Auffassung der Witztechnik an den einzelnen Beispielen als eine
aufgezwungene nachweisen kann, zu deren Gunsten andere näherliegende und tiefer reichende
Auffassungen unterdrückt worden sind, oder ob sie zugeben muß, daß die Erwartungen vom
Traum her sich am Witz wirklich bestätigen lassen. Ich bin der Meinung, daß wir solche Kritik
nicht zu fürchten haben und daß unser Reduktionsverfahren (s. S. 26) uns verläßlich angezeigt
hat, in welchen Ausdrucksformen die Techniken des Witzes zu suchen waren. Daß wir diesen
Techniken Namen gegeben hatten, welche das Ergebnis der Übereinstimmung von Witztechnik
und Traumarbeit bereits antizipierten, dies war unser gutes Recht, eigentlich nichts anderes als
eine leicht zu rechtfertigende Vereinfachung.
Ein anderer Einwand träfe unsere Sache nicht so schwer, wäre aber auch nicht so gründlich zu
widerlegen. Man könnte meinen, daß die zu unseren Absichten so gut stimmenden Techniken des
Witzes zwar Anerkennung verdienen, aber doch nicht alle möglichen oder in der Praxis
verwendeten Techniken des Witzes wären. Wir hätten eben, von dem Vorbild der Traumarbeit
beeinflußt, nur die zu ihr passenden Witztechniken herausgesucht, während andere, von uns
übersehene, eine solche Übereinstimmung als nicht allgemein vorhanden erwiesen hätten. Ich
getraue mich nun wirklich nicht der Behauptung, daß es mir gelungen ist, alle in Umlauf
befindlichen Witze in bezug auf ihre Technik aufzuklären, und lasse darum die Möglichkeit
offen, daß meine Aufzählung der Witztechniken manche Unvollständigkeit erkennen lassen wird,
aber ich habe keine Art der Technik, die mir durchsichtig wurde, absichtlich von der Erörterung
ausgeschlossen und kann die Behauptung vertreten, daß die häufigsten, wichtigsten, am meisten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin