Seite - 1033 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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mit der unbewußten vertauscht wird. Eine stets lauernde Tendenz, den ursprünglichen
Lustgewinn des Witzes zu erneuern, wirkt hiebei herabziehend auf den noch schwankenden
vorbewußten Ausdruck des Gedankens. In heiterer Stimmung sind wohl die meisten Menschen
fähig, Scherze zu produzieren; die Eignung zum Witz ist nur bei wenigen Personen unabhängig
von der Stimmung vorhanden. Endlich wirkt als kräftigste Anregung zur Witzarbeit das
Vorhandensein starker, bis ins Unbewußte reichender Tendenzen, die eine besondere Eignung zur
witzigen Produktion darstellen und uns erklären mögen, daß die subjektiven Bedingungen des
Witzes so häufig bei neurotischen Personen erfüllt sind. Unter dem Einfluß starker Tendenzen
kann auch der sonst Ungeeignete witzig werden.
Mit diesem letzten Beitrag, der wenn auch hypothetisch gebliebenen Aufklärung der Witzarbeit
bei der ersten Person, ist aber unser Interesse am Witz strenggenommen erledigt. Es erübrigt uns
etwa noch eine kurze Vergleichung des Witzes mit dem besser bekannten Traum, der wir die
Erwartung vorausschicken werden, daß zwei so verschiedenartige seelische Leistungen neben der
einen bereits gewürdigten Übereinstimmung nur noch Unterschiede erkennen lassen dürften. Der
wichtigste Unterschied liegt in ihrem sozialen Verhalten. Der Traum ist ein vollkommen
asoziales seelisches Produkt; er hat einem anderen nichts mitzuteilen; innerhalb einer Person als
Kompromiß der in ihr ringenden seelischen Kräfte entstanden, bleibt er dieser Person selbst
unverständlich und ist darum für eine andere völlig uninteressant. Nicht nur daß er keinen Wert
auf Verständlichkeit zu legen braucht, er muß sich sogar hüten verstanden zu werden, da er sonst
zerstört würde; er kann nur in der Vermummung bestehen. Er darf sich darum ungehindert des
Mechanismus, der die unbewußten Denkvorgänge beherrscht, bis zu einer nicht mehr
redressierbaren Entstellung bedienen. Der Witz dagegen ist die sozialste aller auf Lustgewinn
zielenden seelischen Leistungen. Er benötigt oftmals dreier Personen und verlangt seine
Vollendung durch die Teilnahme eines anderen an dem von ihm angeregten seelischen Vorgange.
Er muß sich also an die Bedingung der Verständlichkeit binden, darf die im Unbewußten
mögliche Entstellung durch Verdichtung und Verschiebung in keinem weiteren Ausmaße in
Anspruch nehmen, als soweit dieselbe durch das Verständnis der dritten Person redressierbar ist.
Im übrigen sind die beiden, Witz und Traum, auf ganz verschiedenen Gebieten des Seelenlebens
erwachsen und an weit voneinander entlegenen Stellen des psychologischen Systems
unterzubringen. Der Traum ist immer noch ein, wiewohl unkenntlich gemachter, Wunsch; der
Witz ist ein entwickeltes Spiel. Der Traum behält trotz all seiner praktischen Nichtigkeit die
Beziehung zu den großen Interessen des Lebens bei; er sucht die Bedürfnisse auf dem regressiven
Umwege der Halluzination zu erfüllen, und er verdankt seine Zulassung dem einzig während des
Nachtzustandes regen Bedürfnis zu schlafen. Der Witz hingegen sucht einen kleinen Lustgewinn
aus der bloßen, bedürfnisfreien Tätigkeit unseres seelischen Apparats zu ziehen, später einen
solchen als Nebengewinn während der Tätigkeit desselben zu erhaschen, und gelangt so sekundär
zu nicht unwichtigen, der Außenwelt zugewendeten Funktionen. Der Traum dient vorwiegend
der Unlustersparnis, der Witz dem Lusterwerb; in diesen beiden Zielen treffen aber alle unsere
seelischen Tätigkeiten zusammen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin