Seite - 1040 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Vorstellung von einer bestimmt großen Bewegung habe ich erworben, indem ich diese
Bewegung ausführte oder nachahmte, und bei dieser Aktion habe ich in meinen
Innervationsempfindungen ein Maß für diese Bewegung kennengelernt[59].
Wenn ich nun eine ähnliche, mehr oder minder große Bewegung bei einem anderen wahrnehme,
wird der sicherste Weg zum Verständnis – zur Apperzeption – derselben sein, daß ich sie
nachahmend ausführe, und dann kann ich durch den Vergleich entscheiden, bei welcher
Bewegung mein Aufwand größer war. Ein solcher Drang zur Nachahmung tritt gewiß beim
Wahrnehmen von Bewegungen auf. In Wirklichkeit aber führe ich die Nachahmung nicht durch,
so wenig wie ich noch buchstabiere, wenn ich durch das Buchstabieren das Lesen erlernt habe.
An Stelle der Nachahmung der Bewegung durch meine Muskeln setze ich das Vorstellen
derselben vermittels meiner Erinnerungsspuren an die Aufwände bei ähnlichen Bewegungen. Das
Vorstellen oder »Denken« unterscheidet sich vom Handeln oder Ausführen vor allem dadurch,
daß es sehr viel geringere Besetzungsenergien in Verschiebung bringt und den Hauptaufwand
vom Abfluß zurückhält. Auf welche Weise wird aber das quantitative Moment – das mehr oder
minder Große – der wahrgenommenen Bewegung in der Vorstellung zum Ausdruck gebracht?
Und wenn eine Darstellung der Quantität in der aus Qualitäten zusammengesetzten Vorstellung
wegfällt, wie kann ich dann die Vorstellungen verschieden großer Bewegungen unterscheiden,
den Vergleich anstellen, auf den es hier ankommt?
Hier weist uns die Physiologie den Weg, indem sie uns lehrt, daß auch während des Vorstellens
Innervationen zu den Muskeln ablaufen, die freilich nur einem bescheidenen Aufwand
entsprechen. Es liegt aber jetzt sehr nahe anzunehmen, daß dieser das Vorstellen begleitende
Innervationsaufwand zur Darstellung des quantitativen Faktors der Vorstellung verwendet wird,
daß er größer ist, wenn eine große Bewegung vorgestellt wird, als wenn es sich um eine kleine
handelt. Die Vorstellung der größeren Bewegung wäre also hier wirklich die größere, d. h. von
größerem Aufwand begleitete Vorstellung.
Die Beobachtung zeigt nun unmittelbar, daß die Menschen gewöhnt sind, das Groß und Klein in
ihren Vorstellungsinhalten durch mannigfachen Aufwand in einer Art von Vorstellungsmimik
zum Ausdruck zu bringen.
Wenn ein Kind oder ein Mann aus dem Volke oder ein Angehöriger gewisser Rassen etwas
mitteilt oder schildert, so kann man leicht sehen, daß er sich nicht damit begnügt, seine
Vorstellung durch die Wahl klarer Worte dem Hörer deutlich zu machen, sondern daß er auch
den Inhalt derselben in seinen Ausdrucksbewegungen darstellt; er verbindet die mimische mit der
wörtlichen Darstellung. Er bezeichnet zumal die Quantitäten und Intensitäten. »Ein hoher Berg«,
dabei hebt er die Hand über seinen Kopf; »ein kleiner Zwerg«, dabei hält er sie nahe an den
Boden. Er mag es sich abgewöhnt haben, mit den Händen zu malen, so wird er es darum doch mit
der Stimme tun, und wenn er sich auch darin beherrscht, so mag man wetten, daß er bei der
Schilderung von etwas Großem die Augen aufreißt und bei der Darstellung von etwas Kleinem
die Augen zusammendrückt. Es sind nicht seine Affekte, die er so äußert, sondern wirklich der
Inhalt des von ihm Vorgestellten.
Soll man nun annehmen, daß dies Bedürfnis nach Mimik erst durch die Anforderung der
Mitteilung geweckt wird, während doch ein gutes Stück dieser Darstellungsweise der
Aufmerksamkeit des Hörers überhaupt entgeht? Ich glaube vielmehr, daß diese Mimik, wenn
auch minder lebhaft, abgesehen von jeder Mitteilung besteht, daß sie auch zustande kommt, wenn
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin