Seite - 1042 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nicht vergessen dürfen, deutet doch nur darauf hin, daß für die komische Wirkung noch andere
Verhältnisse als die der uns bekannten Vergleichung in Betracht kommen, Bedingungen, denen
wir in anderem Zusammenhange nachspüren können.
Das Komische, das an geistigen und seelischen Eigenschaften eines anderen gefunden wird, ist
offenbar wiederum Ergebnis einer Vergleichung zwischen ihm und meinem Ich, aber
merkwürdigerweise einer Vergleichung, die zumeist das entgegengesetzte Resultat geliefert hat
wie im Falle der komischen Bewegung oder Handlung. In diesem letzteren Falle war es komisch,
wenn der andere sich mehr Aufwand auferlegt hatte, als ich zu gebrauchen glaubte; im Falle der
seelischen Leistung wird es hingegen komisch, wenn der andere sich Aufwand erspart hat, den
ich für unerläßlich halte, denn Unsinn und Dummheit sind ja Minderleistungen. Im ersteren Falle
lache ich, weil er es sich zu schwer, im letzteren, weil er es sich zu leicht gemacht hat. Es kommt
also scheinbar für die komische Wirkung nur auf die Differenz zwischen den beiden
Besetzungsaufwänden – dem der »Einfühlung« und dem des Ichs – an und nicht darauf, zu
wessen Gunsten diese Differenz aussagt. Diese unser Urteil zunächst verwirrende Sonderbarkeit
schwindet aber, wenn man in Erwägung zieht, daß es in der Richtung unserer persönlichen
Entwicklung zu einer höheren Kulturstufe liegt, unsere Muskelarbeit einzuschränken und unsere
Gedankenarbeit zu steigern. Durch Erhöhung unseres Denkaufwandes erzielen wir eine
Verringerung unseres Bewegungsaufwandes für die nämliche Leistung, von welchem
Kulturerfolg ja unsere Maschinen Zeugnis ablegen[60].
Es fügt sich also einem einheitlichen Verständnis, wenn derjenige uns komisch erscheint, der für
seine körperlichen Leistungen zu viel und für seine seelischen Leistungen zu wenig Aufwand im
Vergleich mit uns treibt, und es ist nicht abzuweisen, daß unser Lachen in diesen beiden Fällen
der Ausdruck der lustvoll empfundenen Überlegenheit ist, die wir uns ihm gegenüber zusprechen.
Wenn das Verhältnis sich in beiden Fällen umkehrt, der somatische Aufwand des anderen
geringer und sein seelischer größer gefunden wird als der unserige, dann lachen wir nicht mehr,
dann staunen und bewundern wir[61].
Der hier erörterte Ursprung der komischen Lust aus der Vergleichung der anderen Person mit
dem eigenen Ich – aus der Differenz zwischen dem Einfühlungsaufwand und dem eigenen – ist
wahrscheinlich der genetisch bedeutsamste. Sicher steht aber, daß er nicht der einzige geblieben
ist. Wir haben irgend einmal gelernt, von solcher Vergleichung zwischen dem anderen und dem
Ich abzusehen und die lustbringende Differenz uns von nur einer Seite her zu holen, sei es von
der Einfühlung her, sei es aus den Vorgängen im eigenen Ich, womit der Beweis erbracht ist, daß
das Gefühl der Überlegenheit keine wesentliche Beziehung zur komischen Lust hat. Eine
Vergleichung ist für die Entstehung dieser Lust unentbehrlich; wir finden, daß diese
Vergleichung statthat zwischen zwei rasch aufeinanderfolgenden und auf dieselbe Leistung
bezüglichen Besetzungsaufwänden, die wir entweder auf dem Wege der Einfühlung in den
anderen bei uns herstellen oder ohne solche Beziehung in unseren eigenen seelischen Vorgängen
finden. Der erste Fall, bei dem die andere Person also noch eine Rolle spielt, nur nicht ihr
Vergleich mit unserem Ich, ergibt sich, wenn die lustbringende Differenz der
Besetzungsaufwände hergestellt wird durch äußere Einflüsse, die wir als »Situation«
zusammenfassen können, weshalb diese Art Komik auch Situationskomik genannt wird. Die
Eigenschaften der Person, welche das Komische liefert, kommen dabei nicht hauptsächlich in
Betracht; wir lachen, auch wenn wir uns sagen müssen, daß wir in derselben Situation das
nämliche hätten tun müssen. Wir ziehen hier die Komik aus dem Verhältnis des Menschen zur oft
übermächtigen Außenwelt, als welche sich für die seelischen Vorgänge im Menschen auch die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin