Seite - 1053 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Modifikationen und Ersetzungen kann man ohne viel Zwang zusammenfassen; ihr Charakter
ergibt sich aus nachstehenden, Wippchen eigentümlichen Beispielen, in denen regelmäßig ein
anderer, geläufiger, meist banaler, zum Gemeinplatz herabgesunkener Wortlaut durchschimmert:
»Mir Papier und Tinte höher zu hängen.« Man sagt: einem den Brotkorb höher hängen bildlich
für: einen unter erschwerende Bedingungen versetzen. Warum sollte man dieses Bild also nicht
auf anderes Material erstrecken dürfen?
»Schlachten, in denen die Russen einmal den Kürzeren, einmal den Längeren ziehen.« Nur die
erstere Redensart ist bekanntlich im Gebrauche; nach der Ableitung derselben wäre es sogar nicht
unsinnig, auch die andere in Aufnahme zu bringen.
»Schon früh regte sich in mir der Pegasus.« Mit dem Rückersatz »der Dichter« ist dies eine durch
häufigen Gebrauch bereits entwertete selbstbiographische Wendung. »Pegasus« eignet sich zwar
nicht zum Ersatz für »Dichter«, steht aber in Gedankenrelation zu ihm und ist ein hochklingendes
Wort.
»So durchlebte ich dornenvolle Kinderschuhe.« Durchaus ein Bildnis anstatt eines einfachen
Wortes. »Die Kinderschuhe austreten« ist eines der Bilder, die mit dem Begriff Kindheit
zusammenhängen.
Aus der Fülle anderer Produktionen Wippchens kann man manche als Beispiele reiner Komik
hervorheben, z. B. als komische Enttäuschung: Stundenlang wogte das Gefecht, endlich blieb es
unentschieden, oder als komische Entlarvung (der Unwissenheit): Klio, die Meduse der
Geschichte; Zitate wie: Habent sua fata morgana. Unser Interesse wecken aber eher die
Verschmelzungen und Modifikationen, weil sie bekannte Techniken des Witzes wiederbringen.
Man vergleiche z. B. zu den Modifikationen Witze wie: Er hat eine große Zukunft hinter sich –
Er hat ein Ideal vor dem Kopf – die Lichtenbergschen Modifikationswitze: Neue Bäder heilen gut
u. dgl. Sind die Produktionen Wippchens mit der gleichen Technik nun Witze zu heißen, oder
wodurch unterscheiden sie sich von solchen?
Es ist gewiß nicht schwierig, darauf zu antworten. Erinnern wir uns daran, daß der Witz dem
Hörer ein Doppelgesicht zeigt, ihn zu zwei verschiedenen Auffassungen zwingt. Bei den
Unsinnswitzen, wie die letzterwähnten, lautet die eine Auffassung, die nur den Wortlaut
berücksichtigt, er sei ein Unsinn; die andere, die den Andeutungen folgend beim Hörer den Weg
durch das Unbewußte zurücklegt, findet den ausgezeichneten Sinn. Bei den witzähnlichen
Produktionen Wippchens ist das eine der Angesichte des Witzes leer, wie verkümmert; ein
Januskopf, aber nur ein Angesicht ausgebildet. Man gerät auf nichts, wenn man sich von der
Technik ins Unbewußte verlocken läßt. Aus den Verschmelzungen wird man zu keinem Fall
geführt, in dem die beiden Verschmolzenen wirklich einen neuen Sinn ergeben; diese fallen bei
einem Versuch der Analyse gänzlich auseinander. Die Modifikationen und Ersetzungen führen
wie beim Witz auf einen gebräuchlichen und bekannten Wortlaut, aber die Modifikation oder
Ersetzung sagt selbst nichts anderes und in der Regel auch nichts Mögliches oder Brauchbares.
Es bleibt also für diese »Witze« nur die eine Auffassung als Unsinn übrig. Man kann nun nach
Belieben darüber entscheiden, ob man solche Produktionen, die sich von einem der
wesentlichsten Charaktere des Witzes frei gemacht haben, »schlechte« Witze oder überhaupt
nicht Witze heißen will.
Unzweifelhaft machen solche verkümmerte Witze einen komischen Effekt, den wir uns auf mehr
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin