Seite - 1062 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wesensverwandtschaft zwischen beiden ist so wenig zweifelhaft, daß ein Erklärungsversuch des
Komischen mindestens eine Komponente zum Verständnis des Humors abgeben muß. Soviel des
Treffenden und Erhebenden auch zur Wertschätzung des Humors vorgebracht worden ist, der,
selbst eine der höchsten psychischen Leistungen, auch die besondere Gunst der Denker genießt,
so können wir doch dem Versuche nicht ausweichen, sein Wesen durch eine Annäherung an die
Formeln für den Witz und für das Komische auszudrücken.
Wir haben gehört, daß die Entbindung peinlicher Affekte das stärkste Hindernis der komischen
Wirkung ist. Sowie die zwecklose Bewegung Schaden stiftet, die Dummheit zum Unheil führt,
die Enttäuschung Schmerz bereitet, ist es mit der Möglichkeit eines komischen Effekts zu Ende,
für den wenigstens, der sich solcher Unlust nicht erwehren kann, selbst von ihr betroffen wird
oder an ihr Anteil nehmen muß, während der Unbeteiligte durch sein Verhalten bezeugt, daß in
der Situation des betreffenden Falles alles enthalten ist, was für eine komische Wirkung erfordert
wird. Der Humor ist nun ein Mittel, um die Lust trotz der sie störenden peinlichen Affekte zu
gewinnen; er tritt für diese Affektentwicklung ein, setzt sich an die Stelle derselben. Seine
Bedingung ist gegeben, wenn eine Situation vorliegt, in welcher wir unseren Gewohnheiten
gemäß versucht sind, peinlichen Affekt zu entbinden, und wenn nun Motive auf uns einwirken,
um diesen Affekt in statu nascendi zu unterdrücken. In den eben angeführten Fällen könnte also
die vom Schaden, Schmerz usw. betroffene Person humoristische Lust gewinnen, während die
unbeteiligte aus komischer Lust lacht. Die Lust des Humors entsteht dann, wir können nicht
anders sagen, auf Kosten dieser unterbliebenen Affektentbindung, sie geht aus erspartem
Affektaufwand hervor.
Der Humor ist die genügsamste unter den Arten des Komischen; sein Vorgang vollendet sich
bereits in einer einzigen Person, die Teilnahme einer anderen fügt nichts Neues zu ihm hinzu. Ich
kann den Genuß der in mir entstandenen humoristischen Lust für mich behalten, ohne mich zur
Mitteilung gedrängt zu fühlen. Es ist nicht leicht zu sagen, was bei der Erzeugung der
humoristischen Lust in der einen Person vorgeht; man gewinnt aber eine gewisse Einsicht, wenn
man die Fälle des mitgeteilten oder nachgefühlten Humors untersucht, in denen ich durch das
Verständnis der humoristischen Person zur gleichen Lust wie sie gelange. Der gröbste Fall des
Humors, der sogenannte Galgenhumor, mag uns darüber belehren. Der Spitzbube, der am
Montag zur Exekution geführt wird, äußert: »Na, diese Woche fängt gut an.« Das ist eigentlich
ein Witz, denn die Bemerkung ist an sich ganz zutreffend, anderseits in ganz unsinniger Weise
deplaciert, da es weitere Ereignisse in dieser Woche für ihn nicht geben wird. Es gehört aber
Humor dazu, einen solchen Witz zu machen, d.
h. über alles hinwegzusehen, was diesen
Wochenbeginn vor anderen auszeichnet, den Unterschied zu leugnen, aus dem sich Motive zu
ganz besonderen Gefühlsregungen ergeben könnten. Derselbe Fall, wenn er sich auf dem Wege
zur Hinrichtung ein Halstuch für seinen bloßen Hals ausbittet, um sich nicht zu verkühlen, eine
Vorsicht, die sonst ganz lobenswert wäre, bei dem nahe bevorstehenden Schicksal dieses Halses
aber ungeheuer überflüssig und gleichgültig ist. Man muß sagen, es steckt etwas wie Seelengröße
in dieser blague, in solchem Festhalten seines gewohnten Wesens und Abwenden von dem, was
dieses Wesen umwerfen und zur Verzweiflung treiben sollte. Diese Art von Großartigkeit des
Humors tritt dann unverkennbar in Fällen hervor, in denen unsere Bewunderung keine Hemmung
an den Umständen der humoristischen Person findet.
In Victor Hugos Hernani ist der Bandit, der sich in eine Verschwörung gegen seinen König,
Karl I. von Spanien und Karl V. als deutscher Kaiser, eingelassen hat, in die Hände dieses seines
großmächtigen Feindes gefallen; er sieht sein Schicksal als überführter Hochverräter voraus, sein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin