Seite - 1064 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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längst zu hören erwartet, wie sich der Bruder über dies hartnäckige Malheur – geärgert. Den
kleinen Humor, den wir etwa selbst in unserem Leben aufbringen, produzieren wir in der Regel
auf Kosten des Ärgers, anstatt uns zu ärgern[68]
Die Arten des Humors sind außerordentlich mannigfach je nach der Natur der Gefühlserregung,
die zugunsten des Humors erspart wird: Mitleid, Ärger, Schmerz, Rührung usw. Die Reihe
derselben erscheint auch unabgeschlossen, weil das Reich des Humors immer weitere
Ausdehnung erfährt, wenn es dem Künstler oder Schriftsteller gelingt, bisher noch
unbezwungene Gefühlsregungen humoristisch zu bändigen, sie durch ähnliche Kunstgriffe wie in
den vorigen Beispielen zur Quelle humoristischer Lust zu machen. Die Künstler des
Simplizissimus z. B. haben Erstaunliches darin geleistet, den Humor auf Kosten von Grausen und
Ekel zu gewinnen. Die Erscheinungsformen des Humors werden übrigens durch zwei
Eigentümlichkeiten bestimmt, die mit den Bedingungen seiner Entstehung zusammenhängen. Der
Humor kann erstens mit dem Witz oder einer anderen Art des Komischen verschmolzen
auftreten, wobei ihm die Aufgabe zufällt, eine in der Situation enthaltene Möglichkeit von
Affektentwicklung, die ein Hindernis für die Lustwirkung wäre, zu beseitigen. Er kann zweitens
diese Affektentwicklung gänzlich aufheben oder bloß partiell, was sogar der häufigere Fall ist,
weil die leichtere Leistung, und die verschiedenen Formen des »gebrochenen«[69] Humors, den
Humor, der unter Tränen lächelt, ergibt. Er entzieht dem Affekt einen Teil seiner Energie und
gibt ihm dafür den humoristischen Beiklang.
Die durch Nachfühlen gewonnene humoristische Lust entspringt, wie man an obigen Beispielen
merken konnte, einer besonderen, der Verschiebung vergleichbaren Technik, durch welche die
bereitgehaltene Affektentbindung enttäuscht und die Besetzung auf anderes, nicht selten
Nebensächliches gelenkt wird. Für das Verständnis des Vorganges, durch welchen in der
humoristischen Person selbst die Verschiebung von der Affektentwicklung weg vor sich geht, ist
aber hiemit nichts gewonnen. Wir sehen, daß der Empfänger den Schöpfer des Humors in seinen
seelischen Vorgängen nachahmt, erfahren dabei aber nichts über die Kräfte, welche diesen
Vorgang bei letzterem ermöglichen.
Man kann nur sagen, wenn es jemandem gelingt, sich z.
B. über einen schmerzlichen Affekt
hinwegzusetzen, indem er sich die Größe der Weltinteressen als Gegensatz zur eigenen Kleinheit
vorhält, so sehen wir darin keine Leistung des Humors, sondern des philosophischen Denkens
und haben auch keinen Lustgewinn, wenn wir uns in seinen Gedankengang hineinversetzen. Die
humoristische Verschiebung ist also in der Beleuchtung der bewußten Aufmerksamkeit ebenso
unmöglich wie die komische Vergleichung; sie ist wie diese an die Bedingung, vorbewußt oder
automatisch zu bleiben, gebunden.
Zu einigem Aufschluß über die humoristische Verschiebung gelangt man, wenn man sie im
Lichte eines Abwehrvorganges betrachtet. Die Abwehrvorgänge sind die psychischen Korrelate
des Fluchtreflexes und verfolgen die Aufgabe, die Entstehung von Unlust aus inneren Quellen zu
verhüten; in der Erfüllung dieser Aufgabe dienen sie dem seelischen Geschehen als eine
automatische Regulierung, die sich schließlich allerdings als schädlich herausstellt und darum der
Beherrschung durch das bewußte Denken unterworfen werden muß. Eine bestimmte Art dieser
Abwehr, die mißglückte Verdrängung, habe ich als den wirkenden Mechanismus für die
Entstehung der Psychoneurosen nachgewiesen. Der Humor kann nun als die höchststehende
dieser Abwehrleistungen aufgefaßt werden. Er verschmäht es, den mit dem peinlichen Affekt
verknüpften Vorstellungsinhalt der bewußten Aufmerksamkeit zu entziehen, wie es die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin