Seite - 1065 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Verdrängung tut, und überwindet somit den Abwehrautomatismus; er bringt dies zustande, indem
er die Mittel findet, der bereitgehaltenen Unlustentbindung ihre Energie zu entziehen und diese
durch Abfuhr in Lust zu verwandeln. Es ist selbst denkbar, daß wiederum der Zusammenhang
mit dem Infantilen ihm die Mittel zu dieser Leistung zur Verfügung stellt. Im Kinderleben allein
hat es intensive peinliche Affekte gegeben, über welche der Erwachsene heute lächeln würde, wie
er als Humorist über seine gegenwärtigen peinlichen Affekte lacht. Die Erhebung seines Ichs,
von welcher die humoristische Verschiebung Zeugnis ablegt – deren Übersetzung doch lauten
würde: Ich bin zu groß(artig), als daß diese Anlässe mich peinlich berühren sollten –, könnte er
wohl aus der Vergleichung seines gegenwärtigen Ichs mit seinem kindlichen entnehmen.
Einigermaßen unterstützt wird diese Auffassung durch die Rolle, die dem Infantilen bei den
neurotischen Verdrängungsvorgängen zufällt.
Im ganzen steht der Humor dem Komischen näher als dem Witz. Er hat mit jenem auch die
psychische Lokalisation im Vorbewußten gemeinsam, während der Witz, wie wir annehmen
mußten, als Kompromiß zwischen Unbewußtem und Vorbewußtem gebildet wird. Dafür hat er
keinen Anteil an einem eigentümlichen Charakter, in welchem Witz und Komik sich treffen, den
wir vielleicht bisher nicht scharf genug hervorgehoben haben. Es ist Bedingung für die
Entstehung des Komischen, daß wir veranlaßt werden, gleichzeitig oder in rascher
Aufeinanderfolge für die nämliche Vorstellungsleistung zweierlei verschiedene
Vorstellungsweisen anzuwenden, zwischen denen dann die »Vergleichung« statthat und die
komische Differenz sich ergibt. Solche Aufwanddifferenzen entstehen zwischen dem Fremden
und dem Eigenen, dem Gewohnten und dem Veränderten, dem Erwarteten und dem
Eingetroffenen[70].
Beim Witz kommt die Differenz zwischen zwei sich gleichzeitig ergebenden Auffassungsweisen,
die mit verschiedenem Aufwand arbeiten, für den Vorgang beim Witzhörer in Betracht. Die eine
dieser beiden Auffassungen macht, den im Witze enthaltenen Andeutungen folgend, den Weg des
Gedankens durch das Unbewußte nach, die andere verbleibt an der Oberfläche und stellt den
Witz wie einen sonstigen aus dem Vorbewußten bewußt gewordenen Wortlaut vor. Es wäre
vielleicht keine unberechtigte Darstellung, wenn man die Lust des angehörten Witzes aus der
Differenz dieser beiden Vorstellungsweisen ableiten würde[71].
Wir sagen hier vom Witze das nämliche aus, was wir als seine Janusköpfigkeit beschrieben
haben, solange uns die Beziehung zwischen Witz und Komik noch unerledigt erschien[72].
Beim Humor verwischt sich der hier in den Vordergrund gerückte Charakter. Wir verspüren zwar
die humoristische Lust, wo eine Gefühlsregung vermieden wird, die wir als eine der Situation
gewohnheitsmäßig zugeordnete erwartet hätten, und insofern fällt auch der Humor unter den
erweiterten Begriff der Erwartungskomik. Aber es handelt sich beim Humor nicht mehr um zwei
verschiedene Vorstellungsweisen desselben Inhalts; daß die Situation durch die zu vermeidende
Gefühlserregung mit Unlustcharakter beherrscht wird, macht der Vergleichbarkeit mit dem
Charakter beim Komischen und beim Witze ein Ende. Die humoristische Verschiebung ist
eigentlich ein Fall jener andersartigen Verwendung eines frei gewordenen Aufwandes, der sich
als so gefährlich für die komische Wirkung herausgestellt hat.
[8]
Wir stehen nun am Ende unserer Aufgabe, nachdem wir den Mechanismus der humoristischen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin