Seite - 1069 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ausgenützt. Solche zufällige Erlebnisse erwecken den Neid des Kindes, der dann den Ausdruck in
einer Phantasie findet, welche beide Eltern durch vornehmere ersetzt. In der Technik der
Ausführung solcher Phantasien, die natürlich um diese Zeit bewußt sind, kommt es auf die
Geschicklichkeit und das Material an, das dem Kinde zur Verfügung steht. Auch handelt es sich
darum, ob die Phantasien mit einem großen oder geringen Bemühen, die Wahrscheinlichkeit zu
erreichen, ausgearbeitet sind. Dieses Stadium wird zu einer Zeit erreicht, wo dem Kinde die
Kenntnis der sexuellen Bedingungen der Herkunft noch fehlt.
Kommt dann die Kenntnis der verschiedenartigen sexuellen Beziehungen von Vater und Mutter
dazu, begreift das Kind, daß pater semper incertus est, während die Mutter certissima ist, so
erfährt der Familienroman eine eigentümliche Einschränkung: er begnügt sich nämlich damit,
den Vater zu erhöhen, die Abkunft von der Mutter aber als etwas Unabänderliches nicht weiter in
Zweifel zu ziehen. Dieses zweite (sexuelle) Stadium des Familienromans wird auch von einem
zweiten Motiv getragen, das dem ersten (asexuellen) Stadium fehlte. Mit der Kenntnis der
geschlechtlichen Vorgänge entsteht die Neigung, sich erotische Situationen und Beziehungen
auszumalen, wozu als Triebkraft die Lust tritt, die Mutter, die Gegenstand der höchsten sexuellen
Neugierde ist, in die Situation von geheimer Untreue und geheimen Liebesverhältnissen zu
bringen. In dieser Weise werden jene ersten gleichsam asexuellen Phantasien auf die Höhe der
jetzigen Erkenntnis gebracht.
Übrigens zeigt sich das Motiv der Rache und Vergeltung, das früher im Vordergrunde stand,
auch hier. Diese neurotischen Kinder sind es ja auch meist, die bei der Abgewöhnung sexueller
Unarten von den Eltern bestraft wurden und die sich nun durch solche Phantasien an ihren Eltern
rächen.
Ganz besonders sind es später geborene Kinder, die vor allem ihre Vordermänner durch derartige
Dichtungen (ganz wie in historischen Intrigen) ihres Vorzuges berauben, ja die sich oft nicht
scheuen, der Mutter ebensoviele Liebesverhältnisse anzudichten, als Konkurrenten vorhanden
sind. Eine interessante Variante dieses Familienromans ist es dann, wenn der dichtende Held für
sich selbst zur Legitimität zurückkehrt, während er die anderen Geschwister auf diese Art als
illegitim beseitigt. Dabei kann noch ein besonderes Interesse den Familienroman dirigieren, der
mit seiner Vielseitigkeit und mannigfachen Verwendbarkeit allerlei Bestrebungen
entgegenkommt. So beseitigt der kleine Phantast zum Beispiel auf diese Weise die
verwandtschaftliche Beziehung zu einer Schwester, die ihn etwa sexuell angezogen hat.
Wer sich von dieser Verderbtheit des kindlichen Gemütes mit Schaudern abwendete, ja selbst die
Möglichkeit solcher Dinge bestreiten wollte, dem sei bemerkt, daß alle diese anscheinend so
feindseligen Dichtungen eigentlich nicht so böse gemeint sind und unter leichter Verkleidung die
erhalten gebliebene ursprüngliche Zärtlichkeit des Kindes für seine Eltern bewahren. Es ist nur
scheinbare Treulosigkeit und Undankbarkeit; denn wenn man die häufigste dieser
Romanphantasien, den Ersatz beider Eltern oder nur des Vaters durch großartigere Personen, im
Detail durchgeht, so macht man die Entdeckung, daß diese neuen und vornehmen Eltern
durchwegs mit Zügen ausgestattet sind, die von realen Erinnerungen an die wirklichen niederen
Eltern herrühren, so daß das Kind den Vater eigentlich nicht beseitigt, sondern erhöht. Ja, das
ganze Bestreben, den wirklichen Vater durch einen vornehmeren zu ersetzen, ist nur der
Ausdruck der Sehnsucht des Kindes nach der verlorenen glücklichen Zeit, in der ihm sein Vater
als der vornehmste und stärkste Mann, seine Mutter als die liebste und schönste Frau erschienen
ist. Er wendet sich vom Vater, den er jetzt erkennt, zurück zu dem, an den er in früheren
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin